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Einsatzübung mit Hindernissen oder: unter erschwerten Bedingungen zum Einsatzort

Bad Friedrichshallvon Andreas Rudlof

Eigent­lich ist es die Feu­er­wehr im Regel­fall gewohnt, mit ihren Ein­satz­fahr­zeugen so nah wie möglich an die jewei­ligen Scha­den­stellen her­an­zu­fahren, damit dann von der Mann­schaft die benötigten Gerätschaften ? ent­spre­chend der vor­ge­fun­denen Lage ? aus den Feu­er­wehr­fahr­zeugen ent­nommen werden können. Wie gesagt, im Regel­fall. Doch was pas­siert, wenn es gilt zwi­schen dem Auf­stel­lungsort der Fahr­zeuge und der eigent­li­chen Ein­satz­stelle eine größere Distanz zu über­winden, z.B. weil das Gelände unwegsam oder die Zufahrt ver­sperrt ist? Dann ist nicht nur das Impro­vi­sa­ti­ons­ta­lent des Ein­satz­lei­ters sowie der übrigen Führungskräfte ange­sagt, son­dern dann ist die Auf­merk­sam­keit eines jeden Feu­er­wehr­angehörigen gefor­dert. Denn bei einer hin­rei­chenden Ent­fer­nung muss ? ent­spre­chend dem Erkun­dungs­er­gebnis ? genau abge­wogen werden, wel­ches Gerät und Mate­rial vom Fahr­zeug mit ?nach vorne? genommen wird, um bei evtl. Ret­tungsmaßnahmen keine unnötigen Zeit­verzögerungen in Kauf nehmen zu müssen. Um so wich­tiger ist es daher, eine solche Lage zu üben, um die Feu­er­wehr­angehörigen auf alle Even­tualitäten des Ein­satz­ge­sche­hens bestmöglich vor­zu­be­reiten.

Dieser Auf­fas­sung war auch Stadt­brand­meister Kurt Semen, als er Volker Wind­biel mit der Aus­ar­bei­tung eines umfang­rei­chen Übungs­sze­na­rios auf dem Werksgelände der SWS in Bad Fried­richs­hall-Kochen­dorf beauf­tragte.

Bei der durchgeführten Übung, an wel­cher neben der Frei­wil­ligen Feu­er­wehr Bad Fried­richs­hall auch ihre Kol­legen aus Oed­heim teil­ge­nommen hatten, erfolgte die Alar­mie­rung unter dem Stich­wort ?Betriebs­un­fall bei der Firma SWS in Bad Fried­richs­hall-Kochen­dorf?.

Dabei wurde ange­nommen, dass die Ran­gierlok der SWS nach eines Kreis­lauf­kol­laps des Lokführers unkon­trol­liert in eine Gruppe Mon­ta­ge­ar­beiter gefahren war, welche an einem Rolltor der Ent­la­de­halle Repa­ra­tur­ar­beiten durchführte. In dessen Folge wurden zwei Arbeiter von einer Bock­leiter gestoßen. Diese stürzten in einen geöffneten Schacht, wel­cher als Mon­tageöffnung sowie zur Alt­me­tall­ent­sor­gung dient, und blieben dort schwer­ver­letzt liegen. Ein wei­terer Kol­lege lag ver­letzt auf einem Git­ter­rost der Ent­la­de­halle. Zu allem Unglück fuhr die Lok weiter und stieß mit einem Pkw zusammen, der gerade die Gleise über­querte. Die Zwei Fahr­zeug­insassen wurden dabei eben­falls schwer ver­letzt und in ihrem Wagen ein­ge­klemmt.

Beim Ein­treffen erkennt der Ein­satz­leiter, dass ein Zugang zum Werksgelände über die reguläre Zufahrt nicht möglich ist, da diese wegen Bau­ar­beiten nicht pas­siert werden kann. Schnell ent­schließt er sich, die Fahr­zeuge in der Rei­hen­folge ihres Ein­tref­fens beim Besu­cher­park­platz auf­stellen zu lassen und dort die Ein­satz­lei­tung ein­zu­richten. Dann begibt er sich zur Erkun­dung an die über 250 Meter ent­fernt lie­gende Unfall­stelle.

Um die benötigten Gerätschaften für den Ein­satz vor Ort bringen zu können ent­schließt er sich die zwei schie­nen­fahr­baren Roll­pa­letten des Bahn­ret­tungs­satzes zum Ein­satz zu bringen, um darauf das Ret­tungsgerät und die Ret­tungs­mittel von den Fahr­zeugen zu der Scha­dens­stelle trans­por­tieren zu können. Er ver­an­lasst über die Betriebs­lei­tung umge­hend die Öffnung des Roll­tores der Gleis­an­lage, um darauf die Roll­pa­letten zum Ein­satz zu bringen.
An einer der Ein­satz­stellen finden die Feu­er­wehr­angehörigen einen total defor­mierten Pkw vor, der von der Lok beim Zusam­men­prall übel zuge­richtet wurde. Auf der Lok ent­de­cken sie den bewusst­losen Lokführer, der sofort erst­ver­sorgt wird.

Außerdem läuft an der Lok ? simu­liert durch Wasser ? Kraft­stoff aus, sodass die Leckage bekämpft und die umlie­genden Kanal­einläufe mit Dicht­kissen gesi­chert werden müssen.

Unter Zuhil­fe­nahme von hydrau­li­schem Ret­tungsgerät sowie unter ständiger persönli­cher sowie notärzt­li­cher Betreuung werden die ein­ge­klemmten Fahr­zeug­insassen behutsam gerettet. Gerade wurde das Dach abge­trennt und der Zugang zu den Pati­enten ist frei, da stellt der anwe­sende Not­arzt beim Bei­fahrer einen Kreis­lauf­still­stand fest. Jetzt muss alles schnell gehen. Damit sofort mit den Wie­der­be­le­bungsmaßnahmen begonnen werden kann, ist die Person sofort aus dem Wrack zu retten. Die Fah­rerin wird anschließend mit einer Schau­fel­trage aus dem Pkw befreit und eben­falls not­fall­me­di­zi­nisch erst­ver­sorgt. Der Ret­tungs­ein­satz am Pkw ist abge­schlossen.

Bei einem der ver­letzten Arbeiter, wel­cher in die Mon­ta­ge­grube gefallen war, hatte sich beim Sturz ein Metall­rohr in dessen rechten Ober­schenkel gebohrt, sein Kol­lege hatte sich schwere Kopf­ver­let­zungen zuge­zogen. Zur Her­stel­lung der Trans­portfähig­keit wurde das Metall­rohr zunächst in der Wunde belassen, die über­ste­henden Teile jedoch mit­tels hydrau­li­scher Ret­tungs­schere abge­trennt. Unter Ver­wen­dung einer Korb­trage wurden beide in der Mon­ta­ge­grube lie­genden Arbeiter aus der Tiefe gerettet und dem Ret­tungs­dienst zur wei­teren Ver­sor­gung überg­eben.

Ins­ge­samt wurden sechs ?ver­letzte? Per­sonen aus ihren lebens­be­droh­li­chen Zwangs­lagen befreit. Nach knapp zwei Stunden war der umfang­reiche Hil­fe­leis­tungs­ein­satz abge­schlossen und Ein­satz­leiter Volker Wind­biel stellte offi­ziell das Übungs­ende fest.

An der Übung waren sieben Fahr­zeuge und 25 Feu­er­wehr­angehörige betei­ligt. Der DRK-Orts­verein Bad Fried­richs­hall hatte die Ver­letz­ten­dar­steller zur Verfügung gestellt und rea­lis­tisch geschminkt.

„Die Logistik beein­flusst alle Schlachten ? sie ent­scheidet viele.“ Getreu dem Aus­spruch von General Dwight D. Eisen­hower umriss Ein­satz­leiter Volker Wind­biel bei der Ein­satz­nach­be­spre­chung die Wich­tig­keit eines geord­neten sowie koor­di­nierten Mate­ri­al­trans­ports von den Fahr­zeugen zur Ein­satz­stelle. ?Ins­be­son­dere wenn ? wie in diesem Fall ? größere Ent­fer­nungen zu über­winden sind?, so Wind­biel. Dabei sei gerade ?hinten? sehr genau zu über­legen, welche Geräte für die Ein­satz­ab­wick­lung ?vorne? gebraucht würden um den Ein­satz­er­folg und die Durchführung schneller Hilfe nicht zu gefährden, unter­strich der Ein­satz­leiter.

Stadt­brand­meister Kurt Semen zeigte sich mit dem Übungs­ver­lauf zufrieden. ?Es konnten alle Ver­letzten auf möglichst pati­en­ten­scho­nende und den­noch schnellstmögliche Weise gerettet und an den Ret­tungs­dienst überg­eben werden?, stellte Semen fest. Auch für ihn steht außer Frage, dass neben einer funk­tio­nie­renden Logistik „ein geord­neter Raum“ an der Ein­satz­stelle unab­dingbar ist. ?Wenn nur ein wich­tiges Teil fehlt, bedeutet das, dass man wieder zum Fahr­zeug zurück und es holen muss.? so Semen. Dadurch könne es zu einer unnötigen Verzögerung in der Ein­satz­ab­wick­lung kommen, die bei ent­spre­chender Vor­aus­pla­nung ver­meidbar wäre, gab der Stadt­brand­meister zu bedenken. Abschließend dankte Kurt Semen allen Übungs­teil­neh­mern, ins­be­son­dere bei den Angehörigen des DRK-Orts­ver­eines Bad Fried­richs­hall, für deren Bereit­schaft, einen Sams­tag­nach­mittag zur Übung und Fort­bil­dung zu opfern, um für den ehren­amt­li­chen Dienst zum Wohle sowie zum Schutz der All­ge­mein­heit jeder­zeit ?fit? und gerüstet zu sein.

Fotos: Andreas Rudlof

Bild 1:
Der Ein­satz von hydrau­li­schem Ret­tungsgerät ist not­wendig, um die ein­ge­klemmten Insassen aus ihrer lebens­be­droh­li­chen Zwangs­lage befreien zu können.

Bild 2:
Mit dem Spreizer wird die Tür ent­fernt, dann ist der Zugang zur Fah­rerin frei.

Bild 3:
Unter Ver­wen­dung der Schau­fel­trage wird die schwer­ver­letzte Fah­rerin aus dem Pkw gerettet.

Bild 4:
Einer der Arbeiter wurde aus der Mon­ta­ge­grube mit­tels Korb­trage gerettet.

Bild 5:
Der zweite Mon­ta­ge­ar­beiter wird mit der Korb­trage aus der Grube gerettet.