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Wenn Verwirrte nicht mehr heimfinden

von Franziska Feinäugle, HSt

Suche nach davon­ge­lau­fenen Dementen ist inzwi­schen Haupt­auf­gabe der Ret­tungs­hun­de­teams

In Trümmern Verschüttete aufspüren – das war einmal. In einer Gesell­schaft, in der die Men­schen immer älter werden, ist inzwi­schen eine ganz andere Art der Suche zu den Haupt­auf­gaben der Ret­tungs­hun­de­staffel Unter­land geworden: Demente laufen davon und finden nicht wieder zurück nach Hause oder in ihr Alten­heim. Über diese Her­aus­for­de­rung für Such­teams und Angehörige sprach unsere Redak­teurin Fran­ziska Feinäugle mit den Ret­tungs­hundeführern Walter Baer und Claudia Reiner.

Warum laufen demente Men­schen so häufig davon?

Claudia Reiner: Weil sie eine große innere Unruhe haben, in der sie dann auch moto­risch überaktiv sind und einen großen Bewe­gungs­drang haben.

Es geht also eigent­lich ums Laufen, nicht ums Davon­laufen?

Walter Baer: Genau. Oft hören wir von Angehörigen, dass der Demente immer wieder die­selbe Strecke unter­wegs war. Auf­grund der Demenz kann dieses Gewohn­heits­ver­halten sich plötzlich ändern, und der Betrof­fene findet den Weg nicht mehr.

Das Pro­blem ist also, dass sich der Betrof­fene ganz uner­wartet verhält?

Reiner: Richtig, das ist das Pro­blem. Was uns bei der Suche hilft, ist, wenn uns Angehörige Anlauf­stellen des Ver­missten nennen können. Oft ist ja das Lang­zeitgedächtnis noch vor­handen, dann werden zum Bei­spiel ehe­ma­lige Arbeits­stellen oder der geliebte frühere Schre­ber­garten zum Ziel. An diesen Stellen suchen wir dann zuerst. Bei unserem jüngsten Ein­satz rund um den Wun­nen­stein hatten wir leider keinen dieser Anhalts­punkte, und so führte die anstren­gende „Suche nach der Nadel im Heu­haufen“ bei schlechten Wit­te­rungs­be­din­gungen leider bisher zu keinem Erfolg.

Wie weit kommt denn ein dementer Mensch auf sol­chen Abwegen?

Baer: Weit! Man ver­bindet mit dem Stich­wort Demenz gern starke körper­liche Ein­schränkungen, aber das stimmt oft nicht. Die Betrof­fenen sind meis­tens beacht­lich gut zu Fuß. Da kann einer pro­blemlos viele Kilo­meter weit laufen. Reiner: Wir hatten auch schon einen Ein­satz, da saß die ver­misste Person im Zug nach Rumänien. Sie hatte sich an die frühere Heimat erin­nert und sich am Bahnhof bei der Ticket­aus­gabe helfen lassen. Man muss sich wun­dern, was Demente trotz Beeinträchti­gung teil­weise noch zustande bringen. Baer: Und dann sitzt die Person im Zug und weiß gar nicht mehr, warum sie da eigent­lich sitzt.

Was bedeutet die Demenz für den Moment, in dem Sie die Person finden? Wie gehen Sie mit ihr um?

Baer: Es ist ganz wichtig, dass wir die Person in ihrer Welt abholen, behutsam auf sie ein­gehen. Vor­sichtig Körper­kon­takt auf­nehmen. Reiner: In unserer jährli­chen Erste-Hilfe-Aus­bil­dung werden wir für diese Situa­tionen auch geschult.

Wie stellen sich die Hunde auf diese Such­si­tua­tion ein?

Reiner: Für den Hund ist es schwierig, wenn die ver­misste Person läuft. Des­halb ist es wichtig, soge­nannte Opfer­bilder zu trai­nieren. Wir stellen im Trai­ning bestimmte Auf­fin­de­si­tua­tionen nach: Betrun­kene, alte Men­schen mit Rol­lator, Hoch­ver­stecke, ängst­liche Per­sonen und so weiter. So bekommt der Hund die Sicher­heit, auch in Situa­tionen, die für ihn unklar sind, sicher und souverän anzu­zeigen.

Was macht der Hund, wenn er den gesuchten Dementen ent­deckt?

Baer: Wir brau­chen vom Hund eine ganz sichere Anzeige, ein Bellen. Der Hund muss eine hohe Selbst­si­cher­heit haben und darf sich nicht irri­tieren lassen. Manche Demente haben Angst­zustände, wenn ein Hund auf sie zukommt. Es kann auch sein, der Gesuchte schlägt nach dem Hund. Der Hund darf sich trotzdem nicht einschüchtern oder gar ver­treiben lassen. Er muss so lang bellen, bis sein Hundeführer bei ihm ist.

Wann sollen Angehörige oder Heim­lei­tung Sie zu Hilfe rufen?

Baer: Für uns ist es wichtig, so früh wie möglich alar­miert zu werden. Oft suchen Angehörige auf eigene Ver­ant­wor­tung bis zum Ein­bruch der Dun­kel­heit. Je nach Jah­res­zeit und Tem­pe­ratur kann der Zeit­faktor für den Ver­missten aber schnell zum Pro­blem werden. Viele sind krank­heits­be­dingt von vorn­herein geschwächt, ihre Wider­stands­kraft, die ja über Über­leben und Ableben ent­scheiden kann, ist minimal. Unsere Hilfe kann jeder­zeit kos­tenlos über die Polizei ange­for­dert werden – lieber einmal zu oft als zu spät.

Gibt es über­haupt Möglich­keiten, solche Ver­miss­tenfälle zu ver­hin­dern? Die Betrof­fenen ein­zu­sperren, kann ja keine Lösung sein.

Reiner: Die Demenz­sta­tionen der Alten­heime können heut­zu­tage von den Betrof­fenen nicht mehr ohne wei­teres ver­lassen werden, so dass ein Weg­laufen oft ver­hin­dert werden kann.

Baer: Im pri­vaten Bereich ist es sehr schwierig. Wer will für seine Angehörigen ent­scheiden, wo ihre persönliche Frei­heit aufhören soll? Das ist eine schwie­rige Frage. Es wird zukünftig immer wieder Situa­tionen geben, wo wir als Staffel zur Suche gerufen werden.

Bild: Walter Baer und Claudia Reiner mit Ret­tungs­hund Bungee auf dem Trai­nings­platz: Die Hunde dürfen sich nicht irri­tieren lassen, wenn der Gesuchte Angst bekommt und nach ihnen schlägt; die Hundeführer werden eben­falls gezielt geschult. (Foto: Feinäugle)