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Wenn der Notarzt nicht kommt

von Steffen Heizereder, HSt

An den 18. Dezember ver­gan­genen Jahres kann sich Willi Z. noch gut erin­nern. Seine Frau liegt am Boden, krümmt sich vor Schmerzen. Sie leidet an einer sel­tenen Tumor­er­kran­kung, war des­halb bereits in sta­tionärer Behand­lung. In seiner Ver­zweif­lung wählt der Heil­bronner den Notruf. Ein Not­arzt kommt jedoch nicht, weil keine Lebens­ge­fahr bestand..

Lebens­ge­fahr

Günter Frie­de­rich, Leiter der Inte­grierten Leit­stelle in Heil­bronn, ver­tei­digt die Ent­schei­dung seines Dis­po­nenten, keinen Not­arzt zu schi­cken. Der Ret­tungs­dienst rückt nur aus, wenn akute Ange­le­gen­heiten vor­liegen. Weniger dring­liche Fälle werden an den kassenärzt­li­chen Not­dienst weiter ver­wiesen. Dass so ver­fahren wird, ist not­wendig, bestätigt Andreas Ham­berger, Not­dienst­be­auf­tragter der kassenärzt­li­chen Ver­ei­ni­gung. „Der Not­arzt ist dafür da, dass Leben gerettet werden.“ Sechs Ärzte und zehn Ret­tungs­wagen decken den Stadt- und Land­kreis Heil­bronn ab.

Das Pro­blem ist nur: Häufig werde der Notruf auch bei min­der­schweren Fällen gerufen, sagt Frie­de­rich. 67 000 Not­rufe sind im ver­gan­genen Jahr in der Inte­grierten Leit­stelle ein­ge­gangen. Wei­tere 110 000 Mal wurden Kran­ken­trans­porte oder der ärzt­liche Not­dienst gerufen. Alle Anrufe, die in der Leit­stelle ein­gehen, werden auf­ge­zeichnet und 90 Tage lang gespei­chert. Die ange­fer­tigten Ein­satz­pro­to­kolle werden zehn Jahre archi­viert. Kommt ein Anruf in der Ret­tungs­leit­stelle an, fragt der Dis­po­nent, welche Beschwerden vor­liegen. Im Tele­fonat muss er einschätzen, ob ein Not­arzt benötigt wird. In der Leit­stelle arbeiten aus­schließlich Ret­tungs­sanitäter und -assis­tenten, die auch meh­rere Jahre Berufs­er­fah­rung in einem Ret­tungs­wagen haben. Auch Willi Z. wurde gefragt, ob bei seiner Frau Lebens­ge­fahr besteht. „Für mich war aber über­haupt nicht zu bewerten, ob Lebens­ge­fahr besteht“, klagt der 56-Jährige.

Der Heil­bronner konnte seine Frau nicht selbst in die Not­auf­nahme fahren. Zu groß waren ihre Schmerzen. Er wurde an den kassenärzt­li­chen Not­dienst wei­ter­ge­leitet. Den Not­dienst über­nehmen nie­der­ge­las­sene Ärzte ver­schie­dener Fach­rich­tungen von 18 Uhr bis 8 Uhr am nächsten Morgen. Diese kümmern sich um alle drin­genden, aber nicht akut lebens­be­droh­li­chen Fälle. Maximal sieben Ärzte haben im Stadt- und Land­kreis pro Nacht Not­dienst. Zehn Pati­enten besuche er durch­schnitt­lich in einer Not­dienst­nacht, sagt Andreas Ham­berger. In der Spitze sind es bis zu 30 Pati­enten. „Wir können da nicht bei jedem gleich­zeitig sein.“

Not­auf­nahme

Zu Willi Z. ist in dieser Nacht kein Arzt mehr gekommen. Eine Stunde hätte er warten müssen. Das war dem 56-Jährigen zu lange. Am nächsten Morgen fuhr er seine Frau in ein Kran­ken­haus.

Auch in den Not­auf­nahmen werden die Pati­enten nach ihrer Ankunft von den Pfle­gern gesichtet. Wel­cher Patient ist schwer­ver­letzt und wird sofort behan­delt, wer kommt mit leich­teren Ver­let­zungen und muss warten? „Die Not­auf­nahme eines Kran­ken­hauses stellt große Her­aus­for­de­rungen“, sagt Andreas Licht, lei­tender Ober­arzt der Klinik für Unfall­chir­urgie und Orthopädie. Im Ver­laufe des Jahres soll am Plat­ten­wald ein stan­dar­di­siertes Ver­fahren, das Man­chester Triage System, eingeführt werden. Dabei werden die in der Not­auf­nahme ankom­menden Pati­enten ent­spre­chend der Schwere ihrer Ver­let­zungen behan­delt, unabhängig davon, wer zuerst gekommen ist. Strenge Fristen regeln, wann die Pati­enten behan­delt werden müssen. Das System soll trans­pa­renter und pati­en­ten­freund­lich sein, sagt Licht.

Bild: Arbeiten unter großem Druck: Mit­ar­beiter der Inte­grierten Leit­stelle in Heil­bronn. Sie müssen ent­scheiden, wann ein Not­arzt los­ge­schickt wird. (Foto: Archiv/Veigel)