QR-Code zur Seite

Feuer entfacht, um Dieb zu decken

Heilbronnvon Helmut Buchholz, HSt

Exzes­siver Dro­gen­konsum, Abdriften in Phan­ta­sie­welten, nächte­lang am PC Spiele spielen, Schul­pro­bleme, Abkap­seln von den Eltern: Was ein 20-Jähriger am Freitag vor dem Land­ge­richt über sein Leben erzählt, klingt ganz so wie das typi­sche Tage­buch eines Jugend­li­chen, der an seiner Wirk­lich­keit zer­schellt. Seine Mutter nennt die Lebens­hal­tung ihres Sohnes „Grund­ver­zweif­lung“. Er selbst drückt das so aus: „Mir war alles scheißegal, an die Zukunft habe ich nicht gedacht.“ Ein fast ste­reo­typer Fall von missglückter Pubertät? Nicht ganz. Denn warum dieser Her­an­wach­sende fast zum Mörder wurde, warum er einen Brand legte, bei dem fast eine 92-Jährige in dem Haus umge­kommen wäre, das gibt den Rich­tern trotz des Geständnisses Rätsel auf.

Treff­punkt In der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit findet der Jugend­liche in der Bou­tique in der Heil­bronner Rat­haus­gasse „eine Heimat“, wie er sagt. Der Laden dient vielen Gleich­ge­sinnten als Treff­punkt. „Ich habe die Bou­tique geliebt.“ Er fängt hier an zu arbeiten, lernt Kol­legen kennen, die er gut findet – vor allem einen, den er sein „kleines Vor­bild“ nennt. Heute weiß er: „Er hat mich mani­pu­liert“. Doch das ahnt er anfangs nur, jeden­falls übt dieser Eine eine „Anzie­hungs­kraft“ auf ihn aus.

Dieser eine Kol­lege hatte wohl Stress mit der Bou­ti­quen­be­sit­zerin, wurde ent­lassen, hatte aber noch ein altes Paar Schuhe von sich in dem Laden stehen, so berich­tete es der 20-Jährige vor Gericht. Der Ent­las­sene soll ziem­lich auf­dring­lich geworden sein, um an dieses Paar Schuhe zu kommen. Darum hat er den 20-Jährigen, wie der am Freitag im Gerichts­saal berich­tete, eines Abends im Oktober 2013 ange­rufen um ihn zu bitten, ihm das Geschäft auf­zu­schließen. Weil der Ange­klagte noch in der Bou­tique beschäftigt war, hatte er einen Schlüssel – und kam der Bitte nach.

Was dann geschah, nennt der Ange­klagte „irra­tional“. Er habe an jenem Abend min­des­tens vier Joints geraucht, als er seinem Ex-Kol­legen die Tür zur Bou­tique auf­schloss. Dieser fand die Schuhe nicht, ließ dafür aber andere Ware mit­gehen. „Ich wollte den Kumpel nicht ver­pfeifen, hatte aber auch ein schlechtes Gewissen gegenüber der Bou­ti­quen­be­sit­zerin“, erin­nerte sich der 20-Jährige. Des­wegen sei er auf die „saublöde Idee“ gekommen, das Feuer zu legen. Die 92-Jährige Frau im Ober­ge­schoss war ihm wohl bekannt. „Ich hatte ein ziem­lich nettes Verhältnis zu ihr.“ Doch als er das Feuer legte, „habe ich nicht an sie gedacht. Ich kann mir das nur durch meinen Dro­gen­rausch erklären.“

Absurd „Warum waren die Schuhe so wichtig, war da das drin?“, fragte die Vor­sit­zende Rich­terin Eva Bezold. Die Ant­wort war ein Ach­sel­zu­cken und der Kom­mentar: „Das war total absurd.“ Hin­terher stellte sich heraus, dass die Schuhe längst aus dem Laden zum Ver­kauf im Dia­ko­nie­laden für Gebrauchtes gelandet war. Ihr Wert: 20 Euro.

Bild: Nur weil Pas­santen zufällig in der Nähe waren, wurde der Brand der Bou­tique Pogo in Heil­bronn recht­zeitig ent­deckt, um eine 92-Jährige aus dem Haus zu retten. Die Brand­stif­tung ist jetzt vor dem Gericht als ver­suchter Mord ange­klagt. (Foto: Archiv/Petersen)