QR-Code zur Seite

Eine Übung, die Ängste nimmt

Obersulmvon Dominik Knobloch, HSt

Die Brand­mel­de­an­lage im Ober­sulmer Fried­richshof pfeift. 54 behin­derte Men­schen und zwei Dut­zend Betreuer sind am Diens­tag­abend im betrof­fenen Gebäude der Evan­ge­li­schen Stif­tung Lich­ten­s­tern. Einen echten Brand gibt es nicht. Doch ange­spannt sind bei der Hauptübung der Frei­wil­ligen Feu­er­wehr Ober­sulm alle Betei­ligten.

Die kon­stru­ierte Aus­gangs­si­tua­tion: Im Keller brennt es, Rauch zieht durch das Gebäude. Das Erd­ge­schoss gilt es zu räumen, im Ober­ge­schoss die Bewohner aus dem Gefah­ren­be­reich auf der Ebene zu ver­schieben. Ein­ge­schlos­sene Per­sonen im Dach­ge­schoss müssen die Retter über eine Dreh­leiter in Sicher­heit bringen. Eine Nebel­ma­schine sorgt für reale Bedin­gungen.

Pro­bleme „Nicht das Feu­er­wehr­tech­ni­sche ist das Pro­blem, son­dern mit den Ängsten der Behin­derten umzu­gehen“, sagt Feu­er­wehr­kom­man­dant Michael Schep­perle. Zwar wurde diesen Men­schen gesagt, dass eine Übung ansteht, Wohn­be­reichs­leiter Klaus Fink­beiner ist sich aber sicher: „Der Teil, der das ver­standen hat, lässt sich an einer Hand abzählen.“

Das Hupen der Mel­de­an­lage bringt die Bewohner durch­ein­ander, viele reagieren mit Angst, sagt Fink­beiner. „Sie sind beein­druckt, aber auf eine Art und Weise, mit der sie nicht umgehen können.“ Gerade des­halb sei die Übung so unglaub­lich wichtig.

Mit dem Ertönen der Brand­mel­de­an­lage öffnen sich auto­ma­tisch auch zwei Türen im Haus, die sonst ver­schlossen sind ? es besteht Flucht­ge­fahr. Doch alles klappt. Nie­mand geht während der Übung ver­loren. Schon bevor die 60 Ein­satzkräfte der Frei­wil­ligen Feu­er­wehr anrücken, ist der Großteil des Erd­ge­schosses geräumt. Die Mit­ar­beiter der Ein­rich­tung Lich­ten­s­tern, die als Betriebs­feu­er­wehr fun­gieren, leisten ganze Arbeit. Sie wissen, wie sie mit Men­schen mit Behin­de­rung umzu­gehen haben.

Trotzdem kon­trol­liert die Feu­er­wehr Ober­sulm bei ihrem Ein­treffen noch einmal jedes Zimmer. „Guckt auch in den Schrank“, sagt einer. Doch die Betriebs­feu­er­wehr hat gründlich gear­beitet. Die Ver­schie­bung der Bewohner im Ober­ge­schoss verläuft rei­bungslos. Die Dreh­leiter-Ret­tung aus dem Dach­ge­schoss gelingt eben­falls. Betreue­rinnen steigen zusammen mit den Behin­derten in den Ret­tungs­korb. Sie strei­cheln den Bewoh­nern den Rücken und beru­higen sie. Auch die Feu­er­wehrmänner sind bemüht, die Bewohner nicht zu erschre­cken. Ihre Atem­schutzgeräte sind aus­ge­schaltet ? die zischenden Geräusche sollen nie­manden verstören.

Erleich­tert Als alle Bewohner nach der Übung wieder auf ihren Zim­mern sind, ist Heilpädagogin und Grup­pen­lei­terin Rita Rönisch erleich­tert. Seit 36 Jahren ist sie bei der Stif­tung Lich­ten­s­tern beschäftigt und mächtig stolz auf ihre Schützlinge: „Sie haben sich wirk­lich wacker geschlagen.“ Und auch für die Ange­stellten sei es wichtig gewesen, eine solche Situa­tion für den Ernst­fall zu erproben. Fast aus­schließlich Autisten betreut Rönisch. Zwei davon können schreiben. „Es kann gut sein, dass sie mir etwas über die Übung schreiben. Sie wirkten wirk­lich sehr inter­es­siert.“

Bild 1: Grup­pen­be­treuerin Rita Rönisch (rechts) und ihre Kol­le­ginnen beru­higten die Bewohner in der Ein­rich­tung, wenn sie erschreckt reagierten.

Bild 2: Zurück ins Haus: Nach dem Ein­satz kamen viele Bewohner inter­es­siert auf die Feu­er­wehr­leute zu und nahmen Kon­takt auf.

Bild 3: Ver­such geglückt: Auch die Ret­tung mit der Dreh­leiter klappte pro­blemlos. (Fotos: Guido Sawatzki)