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Vorbehalte gegen Frauen in der Feuerwehr

Stadt- und Landkreis Heilbronnvon Sabine Friedrich, HSt

Göttert ist die Frau­en­spre­cherin des Kreis­feu­er­wehr­ver­bands Heil­bronn und Vor­stands­mit­glied im Netz­werk Feu­er­wehr­frauen in Deutsch­land. Im stimme-Inter­view spricht sie über ihren Ein­stieg bei der Feu­er­wehr und darüber, woran es beim Thema Feu­er­wehr­frauen heute noch hakt.

Frau Göttert, wie kamen Sie zur Feu­er­wehr?

Ste­phanie Göttert: Durch einen Klas­sen­ka­me­raden als ich 13 war. Er hat mich zur Jugend­feu­er­wehr mit­ge­nommen. Es hat mir so gut gefallen, dass ich dabei geblieben bin.

Was hat Ihnen so gut gefallen?

Göttert: Eigent­lich alles, die Kame­rad­schaft, dass man fürein­ander da ist, das Gefühl, Men­schen in Not­si­tua­tionen helfen zu können.

Wie sind Sie auf­ge­nommen worden?

Göttert: Ich war das erste Mädchen in der Jugend­feu­er­wehr Det­ten­hausen und im Land­kreis Tübingen und dann auch die erste Frau bei den Aktiven. Da gab es aber eine Hürde: Der Aus­schuss in Det­ten­hausen musste zustimmen, dass ich 1997 zu den Aktiven wech­seln durfte. Das war ein komi­sches Gefühl. Ich habe das über­haupt nicht ver­standen.

Und wie ging es dann weiter?

Göttert: Es gab keine sepa­raten Umkleiden. Ich habe mich weiter im Dusch­raum umge­zogen. Total fas­zi­nie­rend war, dass ich sofort ein Teil der Truppe war. Es gab keine Vor­be­halte und keine Son­der­be­hand­lung. Es hieß: Du willst dabei sein, dann musst du das auch können. Zwei Jahre später zog ich nach Unter­grup­pen­bach. Da war ich wieder die erste Frau in der Feu­er­wehr. Eine Abstim­mung zur Auf­nahme gab es nicht.

Heute ver­sehen 322 Frauen Dienst in den Land­kreis-Feu­er­wehren, das sind nicht einmal zehn Pro­zent. Von Nor­malität kann keine Rede sein.

Göttert: Als ich vor 15 Jahren Frau­en­spre­cherin wurde, waren es erst 30 Frauen. Zu einem gewissen Grad sind heute weib­liche Ein­satzkräfte im Land­kreis Nor­malität, aber das ist noch nicht zu 100 Pro­zent selbst­verständlich. In Baden-Württem­berg haben Frauen große Schwie­rig­keiten. Da gibt es immer noch Vor­be­halte. Auch der Bürger muss Frauen als selbst­verständli­chen Bestand­teil der Wehren sehen. Ich habe Gott sei Dank keine nega­tiven Erfah­rungen gemacht. Es war ein vor­sich­tiges Her­an­tasten, aber ich hatte richtig Glück mit den Führungskräften und den Kame­raden.

Wie steht eine Frau ihren Mann bei der Feu­er­wehr?

Göttert: Wie ein Mann. Wir sind keine Püppis oder Models. Wir schaffen und jam­mern nicht.

Können Sie mit einem schweren, unhand­li­chen Ret­tungs­spreizer ein Auto­dach auf­schneiden?

Göttert: Wir arbeiten immer zu zweit. Den etwa 30 Kilo­gramm schweren Spreizer trage ich nie allein. Das tun auch die Männer nicht. Wir müssen Kraft­trai­ning machen, den Rücken stärken und die Mus­keln auf­bauen.

Was kann eine Feu­er­wehr­frau per se nicht?

Göttert: Alles, was ich bisher in die Hand genommen habe, hat funk­tio­niert.

Warum haben Sie sich als Frau­en­spre­cherin auf­stellen lassen?

Göttert: Weil ich mich als Frau allein gefühlt habe. Ich habe damals im Land­kreis keine Gleich­ge­sinnten gefunden. Ich habe mich gefragt, was kann ich tun, dass es mehr Frauen werden.

Warum wächst der Anteil nur so zäh?

Göttert: Diese Frage stellen wir uns seit Jahren auch im Netz­werk Feu­er­wehr­frauen in Deutsch­land. Ich weiß, dass in Baden-Württem­berg Frauen noch nicht richtig aner­kannt sind. Frauen, die ich ange­spro­chen habe, trauen sich die Auf­gabe nicht zu. Es fehlt an Mut. Sie vom Gegen­teil zu über­zeugen, ist teil­weise schier unmöglich. In der Wer­bung wird zu wenig gemacht. Vom Lan­des­ver­band kommt zu wenig Unterstützung. Ich bin aber stolz darauf, dass sich im Land­kreis Heil­bronn in den ver­gan­genen 15 Jahren die Zahl ver­zehn­facht hat. Bei den Jugend­feu­er­wehren ist der Anteil der Mädchen weitaus höher als bei den Aktiven.

Mit wel­chen Anliegen kommen die Kol­le­ginnen zu Ihnen?

Göttert: Das ist ganz unter­schied­lich. Ich hatte auch schon einen Fall im Land, bei dem sich eine Frau sexis­tisch behan­delt fühlte. Nach einem Gespräch hat der Feu­er­wehr­mann gemerkt, dass sein Ver­halten falsch war. Aber meist geht es um die Aus- und Wei­ter­bil­dung oder um die Klei­dung.

Die Ein­satz­klei­dung ist immer noch geschlecht­er­neu­tral.

Göttert: Wir for­dern schon lange, dass die Ein­satz­klei­dung für Frauen ange­passt wird. Wir haben eine andere Statur als Männer. Meine Hose und meine Jacke sind mir zu lang. Es liegt an den Her­stel­lern, die nicht bereit sind, eine weib­liche Kol­lek­tion her­aus­zu­geben, weil sich das bei dem geringen Frau­en­an­teil nicht lohnt.

Zumin­dest bei der Dienst­uni­form hat sich was getan. Was tragen Sie, Rock oder Hose?

Göttert: Der Rock geht eine Hand­breit bis unters Knie. Wie soll man damit laufen? Ich trage am liebsten Hosen. Ich wollte nie anders aus­sehen als die Feu­er­wehrmänner und nie aus der Masse her­aus­ragen.

Womit beschäftigen Sie sich aktuell?

Göttert: Ich möchte mit einer Feu­er­wehr­frau in Böckingen, die aus Syrien stammt, eine Stra­tegie auf­bauen, wie man Frauen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund zur Feu­er­wehr bekommt. Der Lan­des­feu­er­wehr­ver­band müsste aktiver werden, damit Frauen sich wohl fühlen. Für alles gibt es einen Fach­be­reich – für Musik, Alters­ab­tei­lung, Jugend, Brand­schutz­er­zie­hung, aber keinen für Frauen und für Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Bayern ist da wesent­lich weiter. Dann beschäftige ich mich mit der Aus­bil­dung. Manche Kame­ra­dinnen fühlen sich bei den Übungen nicht ernst genommen. Ich biete ihnen nach der Grund­aus­bil­dung die Möglich­keit, die Tech­ni­sche Hilfe zu ver­tiefen, oder am Strahl­rohr und mit Atem­schutz zu trai­nieren.

Ist das der Weg zum Erfolg?

Göttert: Es ist ein Anfang, die Frauen bekommen mehr Ver­trauen in ihre Fähig­keiten und die Geräte. Grundsätzlich soll die Aus­bil­dung aber gemeinsam erfolgen.

Sind Feu­er­wehrmänner inzwi­schen eman­zi­piert?

Göttert: Da fehlt noch viel. Wenn dem so wäre, wären mehr Frauen dabei. Viele Männer haben Angst, dass wir ihnen etwas weg­nehmen könnten. Solange diese Denken noch da ist, ist es für Frauen schwer. Viel­leicht muss man warten, bis sich die Feu­er­wehr verjüngt hat.

Die Führungs­riegen sind Männerdomänen. Nur Eppingen hat eine Kom­man­dantin.

Göttert: Ich denke es fehlt der Mut auf beiden Seiten: den Frauen, sich auf­stellen zu lassen, und den Männer, Frauen zu wählen.

Würde eine Quote helfen?

Göttert: Ich täte mich schwer damit. Es muss auch von den Frauen kommen, Ver­ant­wor­tung zu über­nehmen. Man muss sich als Frau bei der Feu­er­wehr durch­setzen, sonst bleibt man auf der Strecke.

Warum sind weib­liche Ein­satzkräfte Gold wert?

Göttert: Wir kommen mit psy­chisch belas­tenden Situa­tionen besser zurecht. Bei Ver­kehrsunfällen ist in der Regel die Frau die erste, die zum Ver­letzten ins Fahr­zeug steigt, um ihn zu beru­higen oder sie kümmert sich um die umste­henden Betei­ligten. Mit Frauen ist die Feu­er­wehr eine andere Gemein­schaft. Man wächst als Familie anders zusammen, und die Feu­er­wehr ist eine Familie. Wir müssen auf­ein­ander auf­passen.

Zur Person

Ste­phanie Göttert ist 43 Jahre alt, ver­hei­ratet und hat zwei Kinder im Alter von 15 und 17 Jahren. Auf­ge­wachsen in Det­ten­hausen im Land­kreis Tübingen, lebt sie heute in Unter­grup­pen­bach, wo sie eine von zwei Frauen in der Feu­er­wehr ist. Die Ver­wal­tungs­fach­an­ge­stellte bei der evan­ge­li­schen kirch­li­chen Ver­wal­tungs­stelle in Heil­bronn ist auch als Atem­schutzgeräteträgerin und Sprech­fun­kerin aus­ge­bildet. Seit 15 Jahren ist die Haupt­feu­er­wehr­frau Frau­en­spre­cherin beim Kreis­feu­er­wehr­ver­band Heil­bronn.