QR-Code zur Seite

Stadtbahnbetreiber: Sicherheit an Haltepunkten reicht aus

Leingartenvon Carsten Friese, HSt

Zwei tödliche Stadt­bahnunfälle binnen eines Monats in Lein­garten. Zwei Mal wurden unauf­merk­same Fahrgäste beim Queren des Gleisüber­wegs vom Stadt­bahn-Eilzug erfasst. Die Dis­kus­sion flammt wieder auf: Reicht die Sicher­heit an den Hal­te­punkten aus?

Zwei­erlei Vor­schrift

„Das wäre in Weins­berg nicht pas­siert.“ Ein Lein­gar­tener Stadt­bahn­nutzer ver­weist auf eine Schranke, die in Weins­berg den Zugang zum Gleis sichert. Dort ist diese gesetz­lich Vor­schrift, weil auf der Strecke auch Regio­nal­ex­press und Güterzüge fahren.

Für Sieg­fried Lorenz, den tech­ni­schen Leiter der Alb­tal­ver­kehrs­ge­sell­schaft (AVG), sind die zwei tödli­chen Unfälle in Lein­garten zwar tra­gisch. Einen Anlass, die Sicher­heit zu erhöhen, sieht er aber nicht. In beiden Fällen zeigte die Fußgänger­ampel am Gleisüberweg rot, ein lautes akus­ti­sches Signal warnte vor dem nahenden Eilzug. „Ich glaube nicht, dass durch wei­tere tech­ni­sche Sicher­heits­stufen ein Augen­blicks­ver­sagen von Men­schen zu ver­hin­dern gewesen wäre“, sagt Lorenz.

Mit Tempo 90 war der Eilzug in den Bahnhof gefahren. Die Voll­brem­sung, die dop­pelt so stark wie bei nor­malen Zügen ist, reichte nicht aus. „Die Frau wollte zum Bus und hat das Rot­licht und das akus­ti­sche Signal offenbar über­sehen und überhört“, fasst Poli­zei­spre­cher Peter Lechner zusammen.

Genau in diesem Punkt setzt Ver­kehrs­si­cher­heits­in­ge­nieur Franz Schil­berg aus Ber­gisch-Glad­bach kri­tisch an, der von dem Tod der 76-Jährigen im Internet erfuhr. „An einen Hal­te­punkt, an dem Eilzüge durch­fahren, gehört eine Schranke hin“, for­dert er. Die Bahn­be­treiber denken seiner Ansicht nach „in Normen, nicht in Men­schen“. Wenn Fahrgäste beim Gleisübergang eine Kurve gehen, „bli­cken sie auf den Boden“.

Die Rot­licht­zei­chen stünden in rund 2,60 Meter Höhe „ver­dammt hoch“. Auch der akus­ti­sche Warnton reiche nicht aus. „Wer weiß schon, was er bedeutet?“ Aus Sicht des Inge­nieurs ver­zichten Betreiber aus Kos­tengründen auf Schranken. „Man muss doch mit dem kri­tischsten Fall rechnen“, ver­weist er auf Schwerhörige oder Unacht­same.

Kri­sen­gespräch

Auch Schranken ver­hin­dern tödliche Unfälle nicht zwin­gend, blickt Sieg­fried Lorenz auf die Praxis. „Wer über die Gleise will, geht auch rüber.“ Er sieht die Sicher­heit an Bahn­steigen als aus­rei­chend an, die dem Gesetz ent­spricht. Das sieht auch Ger­hard Gross so, Geschäftsführer des Ver­kehrs­ver­bundes HNV: „Wir haben hohe Sicher­heits­stufen. Natürlich kann man immer noch was drauf­sat­teln, aber das kann auch umgangen werden.“ Gross zieht Ver­gleiche mit Straßen. „Warum beschrankt man dann nicht auch Zebra­streifen?“

Lein­gar­tens Bürger­meister Ralf Stein­brenner hat der AVG einen Brief mit der Bitte um ein Gespräch geschrieben, um die Unfälle zu dis­ku­tieren. „Die Sicher­heit und die Akzep­tanz der Stadt­bahn sind uns wichtig“, betont er. Als kostengünstigste Ver­bes­se­rung sieht Stein­brenner, wenn der Eilzug in Lein­garten am Bahnhof halten würde. „Dann hätte er im Ort bei Weitem nicht die Geschwin­dig­keit.“ In Heil­bronns City, wo die Stadt­bahn quer durch die Fußgänger­zone fährt, ist maximal Tempo 20 erlaubt, im Rest der Stadt maximal 50. Auch Schranken für Fußgänger sieht Stein­brenner als Option. Hier kann er sich vor­stellen, dass sich die Gemeinde an den Kosten betei­ligt, „wenn es sich im akzep­ta­blen Rahmen bewegt“.

Stimmen von Fahrgästen in Lein­garten Renate Streka (64): "Im Straßenver­kehr muss man auf­passen. Die Warn­si­gnale am Bahn­steigüberweg rei­chen aus. Das rote Licht sieht man und den Ton hört man auch gut." Abdullah Yazi­ciaglu (31): "Die Unfälle häufen sich. Man sollte sich Gedanken machen, ob es tech­ni­sche Alter­na­tiven gibt, um die Sicher­heit zu ver­bes­sern. Wenn man mit dem Handy tele­fo­niert oder mit einem MP3-Player Musik hört, ist man nicht mehr zu 100 Pro­zent kon­zen­triert. Vor allem Kinder sind ja nicht bere­chenbar." Alex­ander Wagner (18): "Die Warn­si­gnale müssten eigent­lich aus­rei­chen, aber es gibt eben Fälle, in denen Men­schen die Signale nicht sehen oder nicht sehen wollen. Man muss auf sich auf­passen. Trotzdem wären Schranken sinn­voll, um die Sicher­heit zu ver­bes­sern, oder Ein-Euro-Jobber, die vor ein­fah­renden Zügen warnen. Das würde auch neue Jobs schaffen." Eine 78-Jährige, die unge­nannt bleiben möchte: "Viele gehen doch auch bei Rot­licht drüber, das ist vor allem bei der Jugend ganz schlimm. Den Alarmton hört man, den höre ich sogar bis zu meiner Woh­nung. Eigent­lich reicht die Technik aus, höchs­tens zur Sicher­heit wäre eine Schranke noch gut."

Bild / Grafik: HSt