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"Offen über das Erlebte sprechen"

Schwaigernvon Angela Groß, HSt

In Schwai­gern brennt's schon wieder", diesen Spruch konnte man in der Lein­tal­stadt mehr­fach hören. Bei zwei Großbränden und dem Brand in der Stet­tener Schule sowie bei Unfällen war die Feu­er­wehr außeror­dent­lich gefor­dert. „Wir haben es gut gepackt, aber die Belas­tung war schon recht hoch", sagt Kom­man­dant Albert Decker im Gespräch mit Angela Groß.

Wie haben Sie das Jahr erlebt, Herr Decker?

Albert Decker: Für die Wehr war es ein Aus­nah­me­jahr - schon von den Einsätzen her. Wir hatten zwei Großbrände und dann noch eine Reihe von Unfällen, dar­unter drei schwere Ver­kehrsunfälle. In dieser Häufig­keit hatten wir das noch nie. Das macht einem schon zu schaffen.

Der erste Großbrand ereig­nete sich am 10. Juni. Erin­nern Sie sich noch an den Tag?

Decker: Ja, das war der Brand an der Gol­f­oase Pful­linger Hof. Als der Alarm kam und ich von meiner Arbeits­stelle in Nord­heim weg­ging, habe ich bereits die Rauch­wolken stehen sehen. Ich wusste sofort, das ist was Größeres.

War es ein kom­pli­zierter Brand?

Decker: Prin­zi­piell nicht. Wir mussten nach­alar­mieren und wurden von den Wehren Heil­bronn und Bra­cken­heim unterstützt. Dinge wie die Löschwas­ser­ver­sor­gung bei sol­chen feu­er­wehrtak­ti­schen Großereig­nissen gibt es immer zu klären.

Und die bange Frage danach, wel­ches Schicksal hinter einem Brand steht.

Decker: Mehr als das, denn der Besitzer der Gol­f­oase, Harald Walter, ist ein Feu­er­wehr­ka­merad von uns. Die große Unsi­cher­heit war, ob die Großeltern noch im Haus sind oder nicht. Das wussten wir bis zum Schluss nicht und haben mehr­mals die Häuser durch­sucht, bis klar war, dass nie­mand drin ist.

Vier Wochen später der nächste Alarm: Brand bei der Recy­cling­firma Kurz in Schwai­gern.

Decker: Es war Sonn­tag­morgen, ein Melder-Alarm. Auch hier habe ich bei der Anfahrt die große Rauch­wolke stehen sehen. Das wirk­liche Ausmaß wurde erst später klar. Ursprünglich bestand die Annahme, dass Lein­garten von der Rauch­be­las­tung betroffen ist, was aber nie der Fall war. Die Feu­er­wehr­leute waren teil­weise weit über zwölf Stunden im Ein­satz.

Die Brand­ab­wick­lung war schwierig.

Decker: Ja, weil wir am Anfang nicht genau loka­li­sieren konnten, was eigent­lich brennt. Überall hat es geraucht. Wir hatten über 200 Leute und 40 Fahr­zeuge im Ein­satz. Solche Brände in dieser Größenord­nung und mit diesem Poten­zial gibt es gene­rell nicht allzu viele. Mit Hilfe der Wärme­bild­ka­mera und dem Poli­zei­hub­schrauber konnten wir dann sehen, in wel­chem Teil der Firma sich die Hitze ent­wi­ckelt. Das war sehr, sehr hilf­reich.

Was geht einem durch den Kopf, wenn man vor dem Feuer steht?

Decker: In erster Linie geht einem durch den Kopf: Ist irgend­je­mand im Gebäude? Ist ein Men­schen­leben gefährdet? In zweiter Linie über­legt man sich: Wie kann ich die eigenen Kräfte schützen? Dann kommen die tak­ti­schen Über­le­gungen: Was kann ich halten? Was ist kaputt? Wo kann sich das Feuer aus­breiten?

Wie groß ist die Belas­tung für die Feu­er­wehr?

Decker: Unter­schied­lich. Es gibt alte Hasen, die stehen das ohne irgend­welche Anzei­chen durch. Es gibt aber auch alte Hasen, die sind da sehr emp­find­lich. Bei den Jungen muss man umso mehr auf­passen. Arbeiten an vor­derster Front, einen schwer Ver­letzten aus dem Auto holen, das sollen nur Leute machen, die es sich zutrauen. Man weiß nie, was in ihnen vor­geht, wenn sie von der Ein­satz­stelle weg­gehen und wie sie mit dem Erlebten umgehen.

Dann holen Sie sich Unterstützung.

Decker: Ich scheue mich über­haupt nicht, see­li­schen Bei­stand zu holen - das machen wir auch sehr oft. Ich zögere auch nicht, als erster vor­zu­treten und zu sagen, mich hat das und das erschüttert. Wenn die Kame­raden sehen, der Kom­man­dant spricht offen über das Erlebte, dann tun sie es auch. Oft sitzen wir hin­terher noch zusammen und bespre­chen das mit dem Seel­sorger.

Haben Sie Mühe, die Leute bei der Stange zu halten?

Decker: Gar nicht. Die Ent­wick­lung ist sehr positiv, das gilt auch für den Nach­wuchs. Diese Per­so­nalstärke hatten wir noch nie. Früher hatten wir zum Bei­spiel bei der Abtei­lung Schwai­gern 40 bis 44 Aktive, jetzt sind wir bei 51. Wir haben auf einen Schlag sieben Mann von der Jugend­feu­er­wehr bekommen. Diesen Per­so­nal­zu­wachs gibt es, nicht ganz so stark, auch bei den anderen Abtei­lungen. Ins­ge­samt beträgt die Wehrstärke 170 Aktive.

Fühlen Sie sich von der Gesell­schaft getragen?

Decker: Ja, das hat man gesehen. Das rechne ich ein Stück weit unserer guten Öffent­lich­keits­ar­beit zu, auch wenn das jetzt nach Eigenlob riecht. Das Image vom maßkrugs­tem­menden Feu­er­wehr­mann, der mit dem roten Auto spa­zie­renfährt - denke ich - besteht nicht. Viele haben mitt­ler­weile erkannt, wie viele Übungen not­wendig sind, um Einsätze bewältigen zu können.

Bild: Der Brand bei der Schwai­gerner Recy­cling­firma Kurz machte durch eine rie­sige Wolke auf sich auf­merksam, die weithin sichtbar war. (Foto: Archiv/Schmer­beck)