QR-Code zur Seite

Knochenarbeit für starke Männer

Brackenheimvon Thomas Dorn, HSt

Das ist unser Schmuckstück“, sagt Isolde Döbele-Carlesso. Die Stadt­ar­chi­varin hat Recht. Die alte Boten­heimer Hand­druck­spritze ist ein tolles Teil und wird von jedem Besu­cher der Bra­cken­heimer Feu­er­wehr­aus­stel­lung ent­spre­chend bestaunt. Dass das his­to­ri­sche Gerät, mit dem die Boten­heimer Flo­ri­ansjünger noch bis 1971 gear­beitet haben, nicht ganz so alt ist, wie ursprünglich ange­nommen, wird daran nichts ändern.

Anschaf­fung Ein Rech­nungs­beleg über den Kauf einer Feu­er­spritze ließ Isolde Döbele-Carlesso bis zur vorigen Woche davon aus­gehen, dass die Ent­wick­lung der Firma Hein­rich Kurtz, Stutt­gart, im Jahr 1843 ange­schafft wurde. Bis Joa­chim Haase dem Stadt­ar­chiv einen Besuch abstat­tete. Der Leiter des Arbeits­kreises Feu­er­wehr­ge­schichte des Stadt­feu­er­wehr­ver­bands Stutt­gart erkannte sofort: „1843, das kann nicht sein.“ Erst 1857 hatte Hein­rich Kurtz das könig­liche Patent für seine Saugspritze bekommen. Und die Boten­heimer Vari­ante, mit dem hölzernen Was­ser­kasten, war sogar erst nach 1868 auf dem Markt.

1873, da legte sich Haase fest, wurde dieses Gerät gebaut. Wann es die Gemeinde Boten­heim dann aber tatsächlich gekauft hat, ist wieder eine andere Frage. Immerhin war die Vorgänger­spritze - siehe Rech­nung - erst 30 Jahre alt.

Sei's drum: Die Patents­aug­feu­er­spritze, wie sie richtig heißt, war ein sehr brauch­bares Gerät. Nicht nur wegen des Pump­werks mit den beiden Mes­sing-Zylin­dern. Dass sie sowohl einen Saug­wind- wie auch einen Druck­wind­kessel besaß, machte sie beson­ders effektiv. „Die alten Geräte konnten nur stoßweise Wasser spritzen“, erklärt Joa­chim Haase. „Mit dieser Technik aber stand der Schlauch erst­mals dau­ernd unter Druck und lie­ferte kon­ti­nu­ier­lich Wasser.“ Bis zu 350 Liter in der Minute.

Pum­pen­holm Frei­lich nur unter der Vor­aus­set­zung, dass je sechs Feu­er­wehr­leute auf beiden Seiten kräftig pumpten. Und das war ein sehr, sehr anstren­gender Job. Das weiß nie­mand besser als Ewald Stengel (68), Her­bert Kiefer (59), Karl Schöneck (58) und Eber­hard Frank (54). Die vier Mit­glieder der Boten­heimer Alters­ab­tei­lung haben mit der Spritze noch gelöscht. „Das war Kno­chen­ar­beit“, sagt Kiefer. Wer am Pum­pen­holm stand, dem hing nach fünf Minuten die Zunge heraus. „Dann musste er aus­ge­tauscht werden“, betont Stengel. Umso wich­tiger, dass der Kom­man­dant berech­tigt war, jeden Mitbürger zum Pumpen zu ver­pflichten.

Dass Pferde die Spritze zogen, „das gab's nur bei Schauübungen“, so Schöneck. Bei Einsätzen packten die Boten­heimer Flo­ri­ansjünger lieber selbst an. „Wir haben im Ort keine Stei­gungen, und die Spritze ist leicht gelaufen.“

Gebrannt hat es nur ein, zwei Mal im Jahr. Aber geübt wurde regelmäßig am Sonn­tag­morgen, Punkt 8 Uhr, vor dem Kirch­gang. „Zu den Übungen haben die Hor­niste geblasen“, sagt Stengel. „Da hatten wir zwei, die waren im Posau­nen­chor.“

Klei­dung Die Ein­satz­klei­dung - Schnürstiefel, Man­ches­ter­hose, Schild­kappe - mussten die Feu­er­wehrmänner selbst kaufen, nur der braune „Kaiser-Wil­helm-Kittel“ wurde gestellt. Von den Uni­formen moderner Prägung waren die Boten­heimer in ihrem Erschei­nungs­bild jeden­falls weit ent­fernt. Ewald Stengel erin­nert sich gut, wie bei einer Übung am Her­ren­wie­sen­bach ein Auto mit Stutt­garter Kenn­zei­chen anhielt. „Die Leute haben gemeint, das sei eine his­to­ri­sche Übung“, lacht Stengel. „Als wir gesagt haben: Nein, wir sind eine aktive Feu­er­wehr, wollten die das gar nicht glauben.“

Die Aus­stel­lung zum 150-jährigen Bestehen der Bra­cken­heimer Feu­er­wehr ist das ganze Jahr über im Stadt­ar­chiv zu sehen. Besich­ti­gungs­ter­mine können unter Telefon 07135/934873 oder über ver­ein­bart werden.

Bild: Bis 1971 haben sie mit dem Gerät noch gear­beitet: (von links) Eber­hard Frank, Her­bert Kiefer, Ewald Stengel und Karl Schöneck.Foto: Thomas Braun