QR-Code zur Seite

Experten entschärfen Fliegerbombe

Heilbronnvon Siegfried Lambert und Andreas Tschürtz, HSt

Peter Christ steht am Mon­tag­abend kurz vor 18 Uhr ganz ruhig hinter der Heil­bronner Haupt­post neben seinem Bagger. Das ehe­ma­lige Regional-Bus-Gelände (RBS) ist in gleißendes Schein­wer­fer­licht getaucht. Gerade befes­tigt ein Feu­er­werker des Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienstes ein wei­teres Siche­rungs­band an einem gewal­tigen rost­braunen Zylinder.

Drei­ein­halb Stunden hat die bri­ti­sche Flie­ger­bombe aus dem Zweiten Welt­krieg am Montag für Auf­re­gung rund um den Heil­bronner Haupt­bahnhof gesorgt. Polizei, Feu­er­wehr und Ret­tungskräfte aus dem ganzen Stadt- und Land­kreis waren im Großein­satz, über 1000 Men­schen im Umkreis von 275 Metern mussten kurz­fristig eva­ku­iert werden. Jetzt ist die Bombe entschärft, liegt Sim Spe­zi­al­fahr­zeug.

Wich­tiger Anruf

Ganz zufällig sei er auf den bri­santen Fund gestoßen, sagt der 52-jährige Bag­ger­fahrer aus Ober­sulm. „Das war gegen 14 Uhr.“ Natürlich wurden die Arbeiten sofort ein­ge­stellt, erzählt Peter Christ. „Ich habe gleich meine Frau ange­rufen - damit sie es nicht zuerst im Radio hört und sich sorgt.“

Viel­leicht muss man mit diesen tödli­chen Hin­ter­las­sen­schaften des Krieges seine Erfah­rungen gemacht haben, um so pro­fes­sio­nell zu reagieren. Peter Christ zuckt mit den Schul­tern. „Es ist ja nicht meine erste Bombe, die ich gefunden habe“, sagt er. Vor elf Jahren stieß er bei Bau­ar­beiten in der Hirsch­berg­straße in Weins­berg auf seine erste Flie­ger­bombe. Den Artikel aus der Heil­bronner Stimme hat er immer dabei. Bisher hat der ihm offenbar Glück gebracht. Die zweite Bombe, sagt Christ, kam bei Arbeiten im Neckar­sulmer Trend­park ans Tages­licht. Das ist jetzt seine dritte. „Bisher ist nichts pas­siert.“

Thomas Gierschke soll dafür sorgen, dass das auch in den nächsten Wochen so bleibt. Der 47-Jährige ist Spreng­stoff-Spe­zia­list. Er begleitet den Abtrans­port der Flie­ger­bombe mit fach­kun­digen Kom­men­taren. „Bri­ti­scher NO-30-Zünder, mecha­nisch, Stan­dard­aus­stat­tung“, sagt er auf die Frage, ob die Entschärfung durch die Kol­legen schwierig war. Soll heißen: Es war Rou­tine, wenn auch eine gefährliche.

Gutes Gefühl

Gierschke kon­trol­liert schon die dritte Woche die Bau­ar­beiten auf dem alten RBS-Gelände, wo unter anderem ein Park­haus ent­stehen soll, nach gefährli­chen Welt­kriegs-Resten. „Er hat die Bombe sofort gesehen“, sagt Peter Christ aner­ken­nend. Auf sein Winken hin habe er seinen roten 35-Tonnen-Bagger sofort ange­halten. „Es ist ein gutes Gefühl, dass dieser Mann hinter dem Bag­gerlöffel steht.“ Thomas Gierschke, der übri­gens aus Neu­bran­den­burg kommt, sieht das eher nüchtern. „Es ist hier eben Vor­schrift.“ Sind noch wei­tere Funde zu erwarten? „Die Chancen stehen 50:50, dass wir hier noch wei­tere finden“, sagt Gierschke.

Gegen 19 Uhr sind auch die 30 Mit­ar­beiter und über 100 Gäste des nahe gele­genen Insel-Hotels wieder zurück. Sie hatten es für meh­rere Stunden ver­lassen müssen. Gisela Mayer, Senior-Chefin, geht durchs Haus und schließt die Fenster wieder, die sie zuvor wegen der Gefahr einer Druck­welle öffnen musste. Ihr Fazit des auf­re­genden Nach­mit­tags: „Es war auf­wendig und stressig, aber eine gute Übung.“

Hin­ter­grund: Welt­kriegs-Bombe

Die auf dem alten Regional-Bus-Gelände gefun­dene bri­ti­sche Flie­ger­bombe aus dem Zweiten Welt­krieg gehört mit ihren 230 Kilo­gramm zu den mitt­leren Kali­bern, die über einen Auf­schlagzünder verfügen. Sie enthält rund 100 Kilo­gramm TNT. Bei einer Explo­sion ent­steht nach Aus­kunft des Bomben-Spe­zia­listen Thomas Gierschke ein Krater von rund zehn Metern Durch­messer und drei Metern Tiefe. Der Kampf­mit­tel­be­sei­ti­gungs­dienst in Stutt­gart hat zur­zeit 34 Mit­glieder. In den zurücklie­genden 58 Jahren seit der Gründung wurden bei den oft­mals lebensgefährli­chen Arbeiten 13 Mit­ar­beiter tödlich ver­letzt.