QR-Code zur Seite

Ein Helfersyndrom reicht nicht

Stadt- und Landkreis Heilbronnvon Stefanie Sapara, HSt

Ein schlimmer Unfall, viele Ver­letzte, ein Toter. Polizei und Feu­er­wehrkräfte sind im Ein­satz, müssen ihre Arbeit tun. Doch da ist in vielen Fällen nicht nur ein Mensch, der gerade gestorben ist, son­dern da sind auch Angehörige, Betrof­fene Men­schen, die einen Ansprech­partner brau­chen, jemanden, der Zeit für sie hat. Eine Auf­gabe, der Ein­satzkräfte kaum gerecht werden können. Vor zehn Jahren wurde des­halb im Stadt- und Land­kreis Heil­bronn die Ökume­ni­sche Not­fall­seel­sorge ins Leben gerufen.

Kein Netz­werk

Jürgen Rist, Pas­to­ral­re­fe­rent in der Katho­li­schen City­se­el­sorge Heil­bronn, und Jörg Spah­mann, Schul­dekan der evan­ge­li­schen Deka­nate Neu­en­stadt, Öhringen und Weins­berg, leiten die Orga­ni­sa­tion. "Es kommt immer häufiger vor, dass Men­schen kein soziales Netz­werk mehr haben." Nach dem Tod einer nahe­ste­henden Person sind sie allein. Oft kennen sie nicht einmal die Nach­barn. "Das ist ein gesell­schaft­li­ches Phänomen, das die Not­fall­seel­sorge immer wich­tiger erscheinen lässt", sagt Rist. Wichtig sei sie auch, weil heute nicht mehr das Motto gelte: Mit dieser Nach­richt kommt die Person schon klar. "Es fand eine Sen­si­bi­li­sie­rung statt", erklärt Spah­mann. "Man ist acht­samer geworden."

Stellen die Ein­satzkräfte am Unfallort fest, dass ein Angehöriger Hilfe braucht, verständigt die Ret­tungs­leit­stelle einen Seel­sorger. Der ver­bringt in der Regel die ersten zwei bis drei Stunden nach dem Todes­fall bei dem oder den Angehörigen. "In der Zeit muss unheim­lich viel pas­sieren", sagt Jürgen Rist. Dabei reiche es nicht, ein Hel­fer­syn­drom aus­leben zu wollen. Oder gar der Spruch: "Ich hab" auch mal einen Todes­fall mit­er­lebt, da ging es mir nach drei Wochen wieder besser." So etwas ist völlig deplat­ziert, stellt Spah­mann klar. "Ebenso ein: Das wird schon wieder." Viel­mehr gelte es, auf­merksam zu sein. Sicher­zu­stellen, dass sich nie­mand aus Ver­zweif­lung spontan ins Auto setzt und los­rast. Womöglich mit Selbst­mord­ge­danken.

Beson­ders wichtig ist den Not­fall­seel­sor­gern, dass während des Ein­satzes Kon­takte her­ge­stellt werden, zu Ver­wandten, Bekannten, einem Pfarrer oder einer Bera­tungs­stelle. "Wir wollen sicher sein, dass der­je­nige gut auf­ge­hoben ist und weiß, an wen er sich wenden muss", sagt Rist.

Trau­er­pro­zess

Den plötzli­chen Ver­lust eines geliebten Men­schen, sei es durch einen Unfall oder auch durch einen Schlag­an­fall, ver­gleicht Jörg Spah­mann mit einer Ampu­ta­tion. "Da ist das Wissen, dass man von einem geliebten Men­schen nicht mehr Abschied nehmen konnte. Das unter­scheidet diesen Trau­er­pro­zess von anderen."

Zum zehnjährigen Bestehen der Not­fall­seel­sorge im Stadt- und Land­kreis gibt es am Mon­tag­abend einen Got­tes­dienst. Nicht nur mit den 27 Mit­ar­bei­tern. "Wir wollen uns nicht selbst feiern", betont Rist. "Der Got­tes­dienst ist für die Ret­tungskräfte und für die Polizei; Leute, die tagtäglich bereit­stehen, um für andere da zu sein." Denn: "Die Kol­legen gehen oft an ihre Grenzen und tun etwas, das heute nicht mehr selbst­verständlich ist. Sie sind für andere da."