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Das Grauen am Bahnübergang: Gedenkfeier für die beim Busunglück getöteten Menschen

Lauffen a.N.von Thomas Dorn, HSt

Ein über­be­setzter Rei­sebus, ein Schnellzug, Schranken, die am damals schie­nen­glei­chen Bahnübergang nahe der Sied­ler­straße zu spät geschlossen werden: Lauf­fens Bürger­meister Klaus-Peter Wal­den­berger erin­nert bei einer Gedenk­feier 50 Jahre danach an die Kata­strophe, die 45 Men­schen mitten aus dem Leben gerissen hat.

Mensch­li­ches Ver­sagen und unsag­bares Leid: Die schwere Dampflok bohrt sich in den Bus, schleift ihn mit, zer­quetscht ihn regel­recht. Dass aus dem Wrack 26 Frauen, Männer, Kinder lebend gerettet werden können, grenzt an ein Wunder. „Den Ret­tungskräften wurde am 20. Juni 1959 Über­mensch­li­ches abver­langt“, dankt Wal­den­berger Polizei, DRK und Feu­er­wehr.

Der Lauf­fener Kurt Rein ist an jenem heißen Som­mertag zufällig in der Nähe und daher einer der Ersten am Unglücksort. Er ist aus­ge­bil­deter Helfer des Deut­schen Roten Kreuzes. „Die Ver­letzten haben wir an Händen und Füßen zu den Pri­vat­autos geschleppt“, erzählt er am Gedenk­stein in der Sied­ler­straße. „Die Toten haben wir auf einen Lkw geladen, der sie zu einem Schuppen der Bahn gebracht hat.“ Mit­ar­beiter einer Firma eilen herbei, schweißen die Ver­letzten aus den Trümmern.

Mit tränen­er­stickter Stimme erzählt Rudy Schaber aus Kirch­heim, einer der Über­le­benden, vom schwärzesten Tag seines Lebens. Vor dem nie­der­ge­legten Kranz schil­dert er den 150 Men­schen, die zur Gedenk­feier gekommen sind, was ihm nach dem Zusam­men­prall in Erin­ne­rung geblieben ist. Der Schatten des Eil­zuges Tübingen-Würzburg, der Auf­prall, Weh­klagen und Schreie, eine Stimme: „Da lebt noch einer.“ Das Ringen mit dem Tod. Und die Ent­las­sung aus dem Kran­ken­haus am 13. April 1960. „Mein Sor­gen­kind, wir haben es geschafft“, klopft ihm der Chef­arzt in jenen Tagen auf die Schulter.

Georg Schissler, damals 21 Jahre alt, weiß, dass seine Eltern mit diesem Bus zurück nach Lauffen fahren wollten. Pani­sche Angst. Auf Höhe der Orgel­bau­firma Rentsch sieht er den auf­ge­spießten Bus: „Ein fürch­ter­li­cher Anblick.“ Seine Eltern sind nicht unter den Opfern. „Im überfüllten Bus haben sie keinen Platz mehr bekommen und mussten in Meims­heim zurückbleiben.“ Er kann das Glück der Familie noch heute kaum fassen.

Maria Löw, 46 Jahre alt, vier Kinder - sie über­lebt das Unglück nicht. Maria Abendschön, ihre Tochter, steht jetzt am Mikrofon, fragt nach dem Warum: „Für mich gibt es Dinge, die man nicht ver­stehen kann. Gott möge mir ver­zeihen.“

Das „Vater unser“ mit Gemein­de­re­fe­rentin Irm­gard Schmitt und Pfar­rerin Ste­fanie Henger tut jetzt allen gut. Würde­voll, sanft und leise klingt die Gedenk­feier mit der Stadt­ka­pelle Musik­verein Lauffen aus.

Rückblick: Unglück for­dert 45 Men­schen­leben

Vom Zusam­menstoß selbst wird Rudy Schaber voll­kommen über­rascht: Der junge Mann steht im hin­teren Teil des Omni­busses, unterhält sich mit einer früheren Nach­barin. „Dann war es plötzlich schwarz“, sagt der 72-jährige Kirch­heimer. Einmal, als er kurz aus seiner Ohn­macht erwacht, hört er jemanden rufen: „Der lebt auch noch!“ Dann taucht er wieder weg.

In diesem Moment weiß Rudy Schaber nicht, dass er das schlimmste Bus- und Zug­unglück der Nach­kriegs­zeit über­lebt hat. Am Spätnach­mittag des 20. Juni 1959 erfasst der Eilzug 867 Tübingen-Würzburg am Bahnübergang in Lauffen einen mit 71 Per­sonen besetzten Omnibus. 37 Männer, Frauen und Kinder sterben an der Unglücks­stelle oder am Tag danach, acht wei­tere im Lauf der nächsten Wochen in den Kran­kenhäusern Lauffen, Bra­cken­heim und Heil­bronn. 25 Men­schen erleiden zum Teil schwere Ver­let­zungen. Ein achtjähriges Mädchen aus Bra­cken­heim kommt mit geringfügigen Bles­suren davon.

Viele Ungarn­deut­sche

Aus Meims­heim ist der blaue Zabergäu-Bus gekommen. Dort sind, nach der Beer­di­gung eines Lands­manns, viele Ungarn­deut­sche, alle aus dem Dorf Leànyvàr, zuge­stiegen. Der Bus, eigent­lich nur für 59 Per­sonen zuge­lassen, ist völlig überfüllt. Nicht alle, die mit­wollen, finden einen Platz.

Auch Rudy Schaber ist in Meims­heim, seiner dama­ligen Wohn­ge­meinde, zuge­stiegen. Er will zum Zug nach Bie­tig­heim, wo er sich mit Freunden „zu einem vergnügli­chen Abend“ ver­ab­redet hat. Er regis­triert noch, wie das schwer bela­dene Fahr­zeug die Anhöhe hinauf schnauft, wie es sich dem Bahnübergang nähert. Alles andere muss er sich später erzählen lassen.

Um 17.32 Uhr über­quert der Bus die Gleise am Posten 47. In diesem Moment ist der Schran­kenwärter dabei, die Schranken her­un­ter­zu­kur­beln. Zu spät. Mit 80 Stun­den­ki­lo­me­tern rast der Zug heran, weder das Warn­si­gnal des Loko­mo­tivführers noch die Schnell­brem­sung können die Kol­li­sion ver­hin­dern. Die Puffer der schweren Lok bohren sich in den Bus, schleifen ihn mit. Erst nach 400 Metern kommt der Zug zum Stehen.

Den her­beistürzenden Lauf­fe­nern und den wenig später ein­tref­fenden Ret­tungskräften - Polizei, Feu­er­wehr, Rotes Kreuz, der Sanitätszug der in Heil­bronn sta­tio­nierten US-Sol­daten - bietet sich ein schreck­li­ches Bild. Überall liegen tote Men­schen. Vom Bus ist nur noch ein demo­lierter Blech­haufen übrig geblieben. Ver­letzte schreien.

Wie ein Lauf­feuer ver­breitet sich die Nach­richt. Immer mehr Angehörige treffen ein, außer sich vor Sorge. Auch Georg Schissler. Auf dem Fußball­platz hat der Lauf­fener von dem Unglück erfahren. „Wir kommen mit dem Bus zurück“, hatten die Eltern gesagt, als ihre Söhne sie mit dem Motor­roller in Meims­heim absetzten. Auch sie waren bei der Beer­di­gung. Jetzt hastet Georg Schissler am Bahn­gleis ent­lang, vorbei an zuge­deckten Toten. „Da schauten nur noch die schwarzen Schuhe und die schwarzen Strümpfe hervor.“ Beer­di­gungsgäste. 14 Ungarn­deut­sche aus Leànyvàr sind unter den Toten. Doch seine Eltern leben. „Sie sind nicht mehr in den Bus gekommen“, erfährt der erleich­terte Sohn. „Sie haben Bekannten den Vor­tritt gelassen, die auf den Zug mussten.“ Mit Tränen in den Augen schließt er die Eltern wenig später in die Arme.

Ernst Wörth­mann, damals 22, trifft mit der ersten Gruppe der Lauf­fener Feu­er­wehr am Unglücksort ein. Zu diesem Zeit­punkt sind Arbeiter der nahe gele­genen Firma Kurz bereits dabei, mit Schweißbren­nern Men­schen aus dem Wrack zu schneiden. Die Wehr­leute sichern mit Feuerlöschern ab, dann wird Wörth­mann abge­zogen, um mit einem Kol­legen und einem Poli­zisten die Unglücks­stelle zu ver­messen und alles zu notieren, was da ver­streut her­um­liegt, „von der Kasse des Bus­fah­rers bis zu Lei­chen und Körper­teilen.“ Er kon­zen­triert sich auf seine Auf­gabe, lässt, was er sieht, gar nicht an sich heran. Erst zu Hause, nach dem Ein­satz, hat's ihn „gepackt“, erin­nert sich der Küfer. Das Vesper schiebt er zur Seite. „Da konnt' ich nicht mehr, da hab' ich geweint.“

Im Chaos Rudy Schaber kriegt von dem Chaos ringsum kaum etwas mit. Irgendwie wird der Ein­ge­klemmte befreit. Die erste kon­krete Erin­ne­rung ver­bindet er mit der Lauf­fener Kran­ken­haus­halle, mit dem Geschrei und Gejammer von Ver­letzten. Schaber hat tiefe Schnitt­wunden und viel Blut ver­loren, lange Monate wird er das Kran­ken­bett hüten müssen, bis seine Ver­let­zungen, vor allem der Trümmer­bruch im Knie, ver­heilt sind.

Der ehe­ma­lige Berufs­schull­lehrer hat das Unglück gut ver­ar­beitet. Gegen den Schran­kenwärter, der später, nach ins­ge­samt drei Gerichts­ver­fahren, wegen fahrlässiger Tötung zu einer milden Bewährungs­strafe ver­ur­teilt wird, hegt er keinen Groll. Nur wenn er über Bahn­gleise fährt, ist es ihm immer noch mulmig. „Ich lebe jeden Tag bewusst und dankbar“, sagt der 72-Jährige. „Und immer am 20. Juni sage ich zu meiner Frau: Heute hab' ich Geburtstag.“

Hin­ter­grund: Anteil­nahme

Das Bus­unglück erschütterte das gesamte Unter­land. Das Schicksal der Ver­unglückten ging den Men­schen nahe. Beim evan­ge­li­schen Pfarramt Lauffen mel­deten sich zwei Fami­lien und erklärten sich bereit , ein Kind, das durch das Unglück elternlos geworden war, bei sich auf­zu­nehmen. In den Akten der Stadt Lauffen findet sich aber auch ein Brief eines auswärtigen Beamten. Er hatte dem Lauf­fener Bürger­meister Hans Roller ein Päckchen geschickt, mit der Bitte, es an die Frau und die Kinder des Schran­kenwärters wei­ter­zu­leiten. Sie seien „völlig unschuldig von dem schweren Leid in jeder Weise in Mit­lei­den­schaft gezogen“ worden. Der Spender fügte seinen Gaben „auch einige tröstende, aber anonyme Worte“ bei.

Trauma ein Leben lang nicht bewältigt

Eli­sa­beth Herzog erin­nert sich noch gut an den 20. Juni 1959, diesen „sehr, sehr heißen Tag“, der auch ihr Leben verändert hat. Ihre Mutter Anna Baum­stark, damals 42 Jahre alt, saß, ebenso wie die Großmutter, in dem Unglücksbus. Beide über­lebten schwer ver­letzt. Über­wunden hat ihre Mutter das Erlebte nie. „Sie hat ihr Leben lang dar­unter gelitten“, sagt ihre Tochter.Die Mutter war an jenem Samstag zur Beer­di­gung des ungarn­deut­schen Lands­manns nach Meims­heim gefahren. Die 19-jährige Eli­sa­beth blieb in Lauffen, half dem Vater im Fri­seur­laden. Sie weiß noch genau, wie am späten Nach­mittag ein Bekannter außer Atem in den Laden stürmt: „Andreas, komm schnell, es ist etwas Schreck­li­ches pas­siert.“

Der Vater lässt alles liegen, springt auf ein Feu­er­wehr­auto. Die Tochter wird von einem Kunden mit dem Motorrad zur Unfall­stelle chauf­fiert. Dort ist alles abge­sperrt, aber der Mann ruft immer wieder: „Ihre Mutter ist auch dabei!“. Sie dürfen pas­sieren. Voller Angst rennt Eli­sa­beth zu den Gleisen. „Es war ein Bild des Grauens“, sagt sie. So viele zuge­deckte Lei­chen. Und die Mutter? „Ich muss wie irre her­um­ge­laufen sein“, sagt die heute 69-Jährige. Dann kommt ein Bekannter auf sie zu: „Deine Mutter lebt, aber sie hat wohl beide Beine ab.“ Die Tochter ist scho­ckiert und erleich­tert. Sie geht nach Hause, richtet für die Mutter eine Tasche mit Bade­mantel, Wasch­zeug, Nacht­hemd.

Anna Baum­stark musste aus dem Wrack her­aus­ge­schweißt werden. Sie hat Quet­schungen, Brüche, schwere innere Ver­let­zungen. Als eine der Letzten wird sie gegen Mit­ter­nacht im Heil­bronner Jäger­haus-Kran­ken­haus ope­riert. Sie behält ihre Beine, doch sie leidet ihr Leben lang an den Ver­let­zungen. Bei jedem Wet­ter­um­schwung hat sie Schmerzen. Die Tochter hat ihr Stöhnen noch im Ohr. „Warum habt ihr mich nicht sterben lassen?“, hat die Mutter, die bis 1989 gelebt hat, immer wieder gefragt.

Dass sie so schwer an dem Trauma getragen hat, führt Eli­sa­beth Herzog auch darauf zurück, dass Anna Baum­stark bei dem Unglück dicht beim Fahrer stand: „Sie hat den Zug kommen sehen - und konnte über­haupt nicht reagieren.“

Bild 1: Nur noch ein Haufen Blech: der total zerstörte Lini­enbus. Er wurde nach dem Zusam­menstoß von dem Eilzug 400 Meter weit mit­ge­schleppt.Bild 2: Ret­tung von Ver­letzten: Deut­sche und ame­ri­ka­ni­sche Sanitäter halfen mit.Bild 3: Eine Gedenk­tafel erin­nert an das schwere Unglück vor 50 Jahren.(Fotos: HSt Archiv/Eisen­menger)