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Auch in der Übung fließt unterm Helm der Schweiß

Bad Rappenauvon Simon Gajer, HSt

Ein Auto liegt auf der Seite, der Fahrer ist ansprechbar, der Bei­fahrer hängt im Gurt und ist bewusstlos. Schlimmer sieht es im zweiten Auto aus: Eine Stange hat die Front­scheibe durchstoßen und den Fahrer durch­bohrt. Ein spek­takuläres Sze­nario hat sich die Führung der Bad Rap­pen­auer Feu­er­wehr für ihre Ein­satzkräfte ein­fallen lassen. Die Übung nehmen alle Helfer sehr ernst, sie achten auf Klei­nig­keiten. Wer ist eigent­lich bei den Ver­letzten im umgestürzten Pkw, wie geht’s ihnen? Berech­tigte Fragen von Grup­penführer Timo Hof­mann an den Neu­ling im Team, der gerade hilflos ist und über­legt, wo er anpa­cken könnte. Unter den Profis ist ein Laie, für den Feu­er­wehr Neu­land ist, der nicht einmal als Kind im Feri­en­pro­gramm bei der Jugend­feu­er­wehr vor­bei­schaute. Das ist kein Pro­blem. Gern sähen es Feu­er­wehren, würden mehr Inter­es­sierte selbst noch im Erwach­se­nen­alter zu ihnen kommen. Die soge­nannten Quer­ein­steiger sind überall will­kommen. Die Sta­tistik zeigt aber, dass kaum jemand bei­tritt – sehr zum Bedauern der Ver­ant­wort­li­chen.

Nach einer halben Stunde drückt der Helm. Dank der schweren Feu­er­wehr­klei­dung fließt der Schweiß trotz Außentem­pe­ra­turen, bei denen Wind­schutz­scheiben über­frieren. Die Übung ist for­dernd. Die hydrau­li­sche Schere hat schon beim Tragen ein ordent­li­ches Gewicht. Noch schwerer wirkt sie, wenn sie erst einmal im Ein­satz ist. So gut wie nie kann das Gerät hand­lich ange­setzt werden, um das Dach des umge­kippten Pkw abzu­trennen. Schräg muss sie benutzt werden, fast senk­recht ist sie in Posi­tion zu bringen. Eine Puppe, selbst von vier Männern auf einer Trage trans­por­tiert, fühlt sich an, als ob sie ein Gewicht von meh­reren Hun­dert Kilo­gramm hat. Dabei sollen es nur 70 sein. Das behauptet zumin­dest der Her­steller. Abtei­lungs­kom­man­dant Jürgen Seel übert­reibt nicht. Die Übung ist „kna­ckig“, sagt er ermu­ti­gend. Wer zum soge­nannten Angriffs­trupp gehört, wird „rich­tige Feu­er­wehr­luft schnup­pern“.

Unterstützung

Die Kame­rad­schaft gibt Halt und Sicher­heit bei der ersten Übung. Der Neue ist im Fahr­zeug dafür ver­ant­wort­lich, die Aids-Hand­schuhe aus­zu­geben. Groß ist die Sorge, dass dies in der Hektik unter­geht, wenn bei der Anfahrt zeit­gleich an alles gedacht werden muss. Taschen­lampe schnappen und an der Jacke befes­tigen. Gürtel ablegen und ver­stauen, weil das befes­tigte Beil später eh nur stören würde. Beim Aus­steigen den Ruck­sack mit dem Erste-Hilfe-Mate­rial schnappen. Die Erfah­renen lassen gar keine Unsi­cher­heit auf­kommen. „Kann ich Hand­schuhe haben?“, fragt jemand ganz ent­spannt, die Packung macht gleich ihre Runde.

Klei­nig­keiten zeigen, dass die Ein­satzkräfte fürein­ander da sind und auch Anfänger inte­grieren. Unter anderem bei der Anfahrt mit Blau­licht, als jemand meint: „Abschnallen nicht ver­gessen.“ Der Hin­weis klingt zunächst banal, aber für die vier anderen im Heck des Fahr­zeugs ist der Hand­griff zur Rou­tine geworden: Schon in der letzten Kurve vor dem Ein­satzort haben alle einen Finger am Knopf, um möglichst schnell den Gurt zu lösen. Selbst­verständlich achten die Männer beim Ein­satz und der Übung auf­ein­ander. Visier am Helm runter, wenn am Dach geschnitten wird. Dann hoch, damit nichts beschlägt. Im Trubel geht schon einmal unter, wo sich der Schutz gerade befindet und wo er besser sein sollte. Als Helfer im Fah­rer­raum knien und mit der hydrau­li­schen Schere schneiden, greift plötzlich eine Hand von hinten zum Helm und schiebt das Visier runter. Für ein Danke bleibt in der Eile keine Zeit.

Unterstützung tut not und ent­lastet die langjährig Enga­gierten. Die Bad Rap­pen­auer Wehr hatte im ver­gan­genen Jahr 160 Einsätze, 128 Mal rückte die Abtei­lung der Kern­stadt aus. Kom­man­dant Felix Mann würde es begrüßen, kämen neben Nachrückern aus der eigenen Jugend auch Erwach­sene ohne Vor­kennt­nisse zur Wehr. Die Ein­satz­zahlen steigen kon­ti­nu­ier­lich an, und gleich­zeitig nimmt die Bereit­schaft ein­zelner Unter­nehmen ab, ihre Mit­ar­beiter für Einsätze frei­zu­stellen. Die Tole­ranz schwinde, je mehr man den dörfli­chen Cha­rakter hinter sich lasse, beschreibt es der Kom­man­dant. Die Alter­na­tive käme Bad Rap­penau teuer zu stehen. Gäbe es nicht mehr aus­rei­chend Frei­wil­lige, bliebe nur eine Berufs­wehr. Manns Rech­nung macht die Dimen­sion deut­lich, die Frei­wil­lige Feu­er­wehren für Kom­munen sparen: Um eine Wache rund um die Uhr mit zehn ange­stellten Ein­satzkräften besetzt zu halten, bräuchte man eine 50-köpfige Mann­schaft. Die kostet rund 2,5 Mil­lionen Euro im Jahr.

Doch es bleibt dabei, dass sich die Ein­satz­ab­tei­lungen vor allem über die Jugend­wehren speisen. Dieses Jahr begrüßte Felix Mann zwölf Neue, dar­unter gerade einmal einen Quer­ein­steiger. Der Rest war der eigene Nach­wuchs. „Das ist das Pro­blem“, gibt Kom­man­dant Mann zu. „Viele denken, dass es gar nicht anders geht.“ Tut es aber. Der ein­zige Unter­schied ist, dass es Schülern und Stu­denten ver­mut­lich leichter fällt, den Frei­raum für die erste erfor­der­liche Aus­bil­dung zu schaffen. Die ist zeit­in­tensiv: In 70 Stunden lernen die Inter­es­sierten die Grund­fer­tig­keiten kennen. Zwei bis drei Ter­mine pro Woche und das ganze zwei Monate lang: „Das ist for­dernd, aber über­schaubar“, wirbt Felix Mann. Ist dieser Ein­stieg geschafft, nimmt der Auf­wand deut­lich ab. Mit­glieder in der Bad Rap­pen­auer Kern­stadt­ab­tei­lung müssen gerade einmal an 24 Übungen im Jahr teil­nehmen, in den Bad Rap­pen­auer Orts­teilen bringen es die Wehren auf zwölf bis 16 Trai­nings­ein­heiten.

Machbar

Im Übungs­trubel behält René Strauß den Über­blick: Hier der Punkt, um das Dach auf­zu­schneiden. Dort ansetzen, um die Sitz­lehne zu lösen. Der 38-Jährige gehört zu den Quer­ein­stei­gern, obwohl er schon Zeit mit der Feu­er­wehr ver­brachte. In seiner Kind­heit war er beim Nach­wuchs seiner Hei­mat­ge­meinde, doch die soge­nannte Trupp­mann-Aus­bil­dung machte er nicht. Erst vor knapp drei Jahren holte er sie nach. „Wenn man im Beruf steht, ist es schon schwierig“, gibt er zu – aber machbar. Die Jüngeren haben seiner Ansicht nach zwar neben der Schule mehr Frei­zeit, den Kurs zu absol­vieren. Die Älteren haben aller­dings den Vor­teil, dass sie mehr Erfah­rung mit­bringen. „Sie schaffen es besser, in Rou­tine zu kommen.“ Seither ist René Strauß dabei. „Das Virus hat mich gepackt.“ Es folgten Aus­bil­dungen, um mit dem Funkgerät umgehen und das Atem­schutzgerät tragen zu können. „Ein kleines Hel­fer­syn­drom hat jeder von uns.“

Großpro­jekt

Die Bad Rap­pen­auer Feu­er­wehr struk­tu­riert sich teil­weise um. Um lang­fristig gut auf­ge­stellt zu sein, fusio­nieren die Abtei­lungen der Stadt­teile Bon­feld, Fürfeld und Tresch­klingen zur Abtei­lung Süd. Für etwa fünf Mil­lionen Euro ent­steht für diese Ein­heit eine neue Feu­er­wache im Gewer­be­ge­biet Buchäcker, das direkt an der Auto­bahn­ab­fahrt Bad Rap­penau liegt.