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Rettungskräfte sind erbost über Gaffer

von Jürgen Kümmerle, HSt

Wenn Men­schen bei Unfällen ver­letzt oder getötet werden, sind sie häufig den Bli­cken Schau­lus­tiger aus­ge­setzt. Diesen gewährt man zu viele Frei­heiten. Doch das soll sich ändern.

Gaffer an Unfall­stellen werden zuneh­mend zum Pro­blem. Der Ein­satz von Smart­phones hat die Situa­tion noch einmal verschärft. Schau­lus­tige gaffen nicht nur auf die Unfall­stelle. Sie nehmen das Unglück mit der Kamera ihres Mobil­te­le­fons auf. „Das war früher nicht so. Wir pran­gern das an“, sagt Helmut Wacker von der Auto­bahn­po­lizei Weins­berg.

Die Polizei tut sich mit Schau­lus­tigen schwer. „Wir haben an der Unfall­stelle zunächst andere Auf­gaben, als uns um diese Leute zu kümmern. Das Per­sonal dazu haben wir gar nicht“, sagt er. Wes­halb Men­schen das Leid ihrer Mit­men­schen filmen, kann sich Wacker nicht erklären.

Die Bun­des­po­litik kennt das Pro­blem der Video- und Foto­auf­nahmen von Unglücksorten. Die Länder Nie­der­sachsen, Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Nord­rhein-West­falen stellten im Jahr 2016 einen Antrag auf eine Gesetzesände­rung. Dem­nach droht Gaf­fern, die Ver­letzte an Unfall­stellen filmen oder foto­gra­fieren, eine Frei­heits­strafe von bis zu zwei Jahren (Para­graf 201a Straf­ge­setz­buch).

Geset­zeslücke soll geschlossen werden

Es klafft jedoch eine Geset­zeslücke, die auch knapp drei Jahre nach dem Vorstoß der drei Länder noch nicht geschlossen ist. Nach wir vor wird das Filmen und Foto­gra­fieren von ver­stor­benen Men­schen nicht bestraft. Dies sei zwar im Koali­ti­ons­ver­trag der Bun­des­par­teien CDU/CSU und SPD ver­ein­bart. Wann es Gesetz wird, konnte ein Spre­cher des SPD-geführten Jus­tiz­mi­nis­te­riums in Berlin auf Anfrage nicht sagen.

Für Ret­tungskräfte besteht das Pro­blem von Gaf­fern nach wie vor. „Beson­ders pietätlos wird es, wenn es Tote gibt“, sagt Jürgen Vogt, Pres­se­spre­cher der Berufs­feu­er­wehr Heil­bronn. Zwar werde bei Bedarf ein Sicht­schutz auf­ge­baut. „Wir haben gegen Gaffer aber keine Chance. Das ist auch nicht unsere Auf­gabe, dafür haben wir nicht das Per­sonal.“ An erster Stelle stehen lebens­er­hal­tende Maßnahmen bei ver­letzten Men­schen. Deren Ret­tung habe Priorität. „Wir haben schon beob­achtet, dass wir auf der einen Auto­bahn­spur tätig sind und nach zehn Minuten knallt es auf der Neben­spur.“ Kilo­me­ter­lange Staus sind die Folge.

Ver­letzte sind schutzlos aus­ge­lie­fert

Das Deut­sche Rote Kreuz (DRK) beob­achtet die Ent­wick­lung eben­falls mit Sorge. „Wir nehmen zuneh­mend wahr, dass Gaffer filmen oder foto­gra­fieren. Da ist echt ein Pro­blem“, sagt Markus Stahl, Ret­tungs­dienst­leiter beim DRK in Heil­bronn. Früher habe es an tech­ni­schen Möglich­keiten gefehlt, Ver­letzte oder Tote zu filmen. Die Men­schen seien Gaf­fern schutzlos aus­ge­lie­fert. Ret­tungskräfte haben gar nicht die Man-Power, das zu ver­hin­dern und zum Bei­spiel Schau­lus­tige an der Unfall­stelle zu foto­gra­fieren, damit diese hin­terher bestraft werden können. „Pati­en­ten­ver­sor­gung hat Vor­rang.“

Im Koali­ti­ons­ver­trag ist ver­ein­bart, die Geset­zeslücke im Hin­blick auf Film- oder Foto­auf­nahmen von ver­stor­benen Per­sonen zu schließen. Der Heil­bronner CDU-Bun­des­tags­ab­ge­ord­nete Alex­ander Throm, stell­ver­tre­tendes Mit­glied des Rechts­aus­schusses im Bun­destag, sagt: „Gaffer gefährden mit ihrer takt­losen Sen­sa­ti­ons­gier nicht nur das Leben anderer, son­dern sie ver­letzen den höchsten Persönlich­keits­be­reich, der auch bei Ver­stor­benen schutzwürdig ist.“ Dem müssen man mit stren­geren Straf­ge­setzen begegnen.

Helmut Wacker von der Auto­bahn­po­lizei spricht sich klar für eine Straf­verschärfung aus. „Gaffen sollte dras­tisch teurer werden. Wenn die Sank­tionen ein spürbares Maß errei­chen, sind Schau­lus­tige bereit, ihr Ver­halten zu ändern.“ Im Ver­gleich zu den europäischen Nach­barn sei Deutsch­land ein Nied­rigbußgeld­land. Wacker nennt Bei­spiele: „Öster­reich hat die Strafe für das Nicht­ein­halten einer Ret­tungs­gasse um meh­rere hun­dert Euro hoch­ge­schraubt. Seither ist es besser geworden.“ In der Schweiz werden Raser deut­lich härter bestraft als in Deutsch­land.

Ver­wun­dert ist Jürgen Vogt über das Ver­halten man­cher Eltern. „Dass sie nicht mit ihren Kin­dern die Unglücks­stelle ver­lassen, ver­wun­dert einen schon.“ Vogt weiß von Unfällen, bei denen Eltern ihre Kinder dazu ani­miert haben, hin­zu­schauen.

„Die eigene Bedürfnis­be­frie­di­gung nimmt über­hand“

Ein schwerer Unfall auf der Auto­bahn. Ret­tungskräfte kämpfen um Men­schen­leben. Auf der anderen Fahr­bahn­seite bildet sich ein Stau. Grund sind Gaffer, die den Unfall mit Mobil­te­le­fonen filmen. Nina Wahn (29), Ver­kehrs­psy­cho­login beim ADAC, erklärt das Phänomen.

Wes­halb gaffen Men­schen, Frau Wahn?

Nina Wahn: Jeder Mensch trägt eine natürliche Neu­gierde in sich. Die ist ange­boren. Sie ist wichtig, um aus Feh­lern anderer zu lernen und Neues dazu­zu­lernen. Beson­dere Ereig­nisse ziehen unsere Auf­merk­sam­keit auf sich. Es wird zum Pro­blem, wenn die Gier über­hand­nimmt und Men­schen ihre eigenen Motive über die Bedürfnisse anderer stellen. Auto­fahrer also an einem Unfall zu langsam vor­bei­fahren, keine Ret­tungs­gasse bilden oder noch schlimmer, keine Erste Hilfe leisten.

Wo fängt Gaffen an?

Wahn: Wer hin­schaut, ver­schafft sich im ersten Moment einen Über­blick und fragt sich: Kann ich helfen? Was den Gaffer vom Schau­enden unter­scheidet, ist, dass er völlig das Bewusst­sein darüber ver­liert, was sein Han­deln für eine Aus­wir­kung hat. Er kann nicht mehr ermessen, wel­chen Ein­fluss sein Ver­halten auf Ret­tungskräfte, auf andere und auf ihn selbst hat. Die eigene Bedürfnis­be­frie­di­gung nimmt über­hand.

Ver­halten sich alle Men­schen so?

Wahn: Nein. Es ist auch nicht immer so, dass Men­schen, die an einem Unfall vor­bei­fahren und hin­schauen, gleich gaffen. Schauen dient auch dem eigenen Schutz. Bringe ich mich selbst in Gefahr? Liegen Fahr­zeug­teile auf der Straße? Viele Men­schen können selbst­re­flek­tiert Grenzen ziehen.

Ein relativ neues Phänomen ist Filmen oder Foto­gra­fieren am Unfallort.

Wahn: Ja, das wird zuneh­mend von Ein­satzkräften beob­achtet. Das Bewusst­sein für die Situa­tion fällt weg. Das Smart­phone dient als Filter. Der Fil­mende ver­steckt sich gewis­sermaßen dahinter und ent­fernt sich dadurch vom Geschehen. Es geht darum, das Leben dar­zu­stellen und andere daran teil­haben zu lassen. Die Men­schen zeigen, was sie erleben und deuten gleich­zeitig darauf hin, was andere nicht erleben. Landen die Auf­nahmen in sozialen Netz­werken, bleiben nega­tive Rückmel­dungen oft aus. Dadurch werden die Akteure in ihrem Ver­halten bestärkt.

Haben solche Men­schen kein Mitgefühl?

Wahn: Schwer zu sagen. Mitgefühl ist indi­vi­duell unter­schied­lich stark aus­geprägt. Es kann eine Zeit­lang dauern, bis sich emo­tio­nale Reak­tionen ein­stellen. Oft fragen sich die Men­schen hin­terher: Was habe ich da getan?

Wie lässt sich Gaffen ver­hin­dern?

Wahn: Das Pro­blem ist präventiv anzu­gehen, bevor so ein Ver­halten auf­tritt. Aufklärung hilft. Eltern sind Vor­bilder und sollten Situa­tionen mit Kin­dern im Ver­kehr üben. Auf keinen Fall sollte man Videos in sozialen Netz­werken positiv bewerten oder unterstützen.