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Retter stoßen an Belastungsgrenze

von Carsten Friese, HSt

Die Zahlen sind eigent­lich ein Grund zur Freude. Die Retter bei Not­fall­einsätzen im Unter­land könnten sich ent­spannt zurücklehnen. Im zweiten Jahr in Folge haben sie die Vor­gaben ein­ge­halten, in min­des­tens 95 Pro­zent aller Notfälle in spätes­tens 15 Minuten mit Ret­tungs­wagen und Not­arzt­fahr­zeug am Unfallort zu sein.

Doch was dies bei stetig stei­genden Ein­satz­zahlen (siehe Grafik) für die Mit­ar­beiter bedeutet, beschreibt ASB-Ret­tungs­dienst­leiter Werner Eckert mit klaren Worten: Gerade in der Großstadt Heil­bronn, wo der ASB zwei Ret­tungs­wa­chen rund um die Uhr betreibt, „sind die Ret­tungs­wagen dau­ernd unter­wegs. Die Mit­ar­beiter sind an der Grenze ihrer Leis­tungsfähig­keit.“ Wenn die Ein­satz­zahlen weiter steigen, kippt das System, ist Eckert über­zeugt.

10â600 Einsätze waren es beim ASB im Jahr 2012, davon rund 3000 soge­nannte „Fehl­einsätze“. So bezeichnet man Fälle, die sich hin­terher doch nicht als Not­fall erweisen, Fälle, in denen nie­mand ins Kran­ken­haus ein­ge­lie­fert werden muss. Gerade da sieht Eckert auch die Bürger gefragt, nicht sofort aus der Ferne in jedem Fall gleich per Handy den Ret­tungs­dienst zu alar­mieren. Er regis­triert viele Baga­tellfälle, bei denen Betrun­kene zum Bei­spiel irgendwo schlafen oder ein Haus­streit glimpf­lich endet. Wenn Bürger erst einmal kurz prüften, ob es ein Not­fall sein kann, „würde es den ein oder anderen Ein­satz sicher ver­meiden“.

Sen­si­bi­li­siert Eine Zunahme von sol­chen „Fehl­einsätzen“ erlebt auch das Rote Kreuz. Ret­tungs­dienst­leiter Markus Stahl gewinnt dem Effekt auch posi­tive Seiten ab, weil Bürger durch mehr Aufklärung über Sym­ptome bei Herz­in­farkt oder Schlag­an­fall sen­si­bler reagierten - und Pati­enten frühzeitig geholfen wird. „Es kann einen dra­ma­ti­schen Ver­lauf nehmen, man weiß es aber vorher nicht.“

Einen Ein­fluss sieht Stahl auch in der neuen Struktur zusam­men­ge­legter Not­fall­praxen. Der Ret­tungs­dienst werde nun häufiger alar­miert, wenn der Arzt in seinem Gebiet unter­wegs sei. Auch Stahl sieht die Zunahme der Einsätze mit kri­ti­schem Blick. An ein­zelnen Tagen seien die Ret­tungs­as­sis­tenten und Ret­tungs­sanitäter des DRK an einer Grenze ange­langt. Zumal die Arbeit phy­sisch und psy­chisch belas­tend sei. Es werde in Zukunft „auf jeden Fall schwerer, die Hilfs­frist ein­zu­halten“, weil die Bevölke­rung weiter altert. Bereits jetzt machen Fälle mit Schlag­an­fall oder Herz­in­farkt zwei Drittel der Not­fall­einsätze aus.

Durch eine ver­bes­serte Technik in der Leit­stelle soll dem Stress im Dau­er­ein­satz etwas ent­ge­gen­ge­wirkt werden. Die Technik wird so umge­stellt, dass der Dis­po­nent am Monitor zu jeder Zeit exakt sieht, wo ein Ein­satz­wagen ist. Und die Crew im Ret­tungs­wagen erhält via GPS den Unfallort direkt auf das Navi­ga­ti­onsgerät auf­ge­spielt.

Struk­tur­frage Ob das aus­reicht? Die Zahl echter Not­fall­einsätze ist seit 2007 um rund 3000 Fälle gestiegen. Außer einem zusätzli­chen Not­arzt­fahr­zeug in Möckmühl hat sich am Per­sonal- und Wagen­be­stand in der Zeit nichts verändert. Dass es sinn­voll wäre, über ein neues Gut­achten die Struktur des Ret­tungs­sys­tems in der Region überprüfen zu lassen, regt Werner Eckert an. „Mehr als 100 Pro­zent geht nicht.“

Die Kran­ken­kassen sind der Kos­tenträger des gesamten Sys­tems: Die Crux ist: Solange die Hilfs­frist ein­ge­halten wird, gibt es für sie keinen Grund, etwas zu verändern.