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Manchmal ist es nur wichtig, da zu sein

Güglingenvon Thomas Dorn, HSt

"Wenn wir geholt werden, hat das immer etwas mit dem Tod zu tun", sagt Walter Zaiss. Er leistet Men­schen Bei­stand, die von einem schweren Unglück betroffen sind. Der evan­ge­li­sche Pfarrer aus Güglingen ist einer von der­zeit 34 Not­fall­seel­sor­gern im Stadt- und Land­kreis Heil­bronn.

Seit ziem­lich genau einem Jahr gibt es die ökume­ni­sche "Erste Hilfe für die Seele", die von der evan­ge­li­schen und katho­li­schen Kirche in Zusam­men­ar­beit mit Hilfs­or­ga­ni­sa­tionen wie Feu­er­wehr, Polizei und Sanitätsdiensten getragen wird. Die frei­wil­ligen Hel­fe­rinnen und Helfer - Pfarrer, Gemein­de­re­fe­renten, Dia­kone - werden von der Kreis­leit­stelle gerufen, wenn eine Todes­nach­richt über­bracht werden muss. Oder wenn ein Suizid gemeldet wurde. Dann begleiten sie die Poli­zisten und Notärzte. "Die Beamten müssen meist gleich wieder weg. Wir bleiben noch ein, zwei Stunden", sagt Walter Zaiss.

Der 51-Jährige hat Angehörigen schon mehr­fach Schre­ckens­nach­richten über­bringen müssen: dass der Ehe­mann in Mexiko einen tödli­chen Unfall hatte; dass Tochter und Enkel­kind aus einem bren­nenden Haus nicht mehr gerettet werden konnten; dass für den Sohn nach einem Motor­rad­un­fall jede Hilfe zu spät kam.

In sol­chen Momenten, nach dem ersten Schock, ist es ihm wichtig, die Angehörigen "Nähe spüren zu lassen". Da sein, beru­higen, mit über­legen, was der nächste Schritt sein könnte.

Den Men­schen Zeit geben sich aus­zu­weinen. Oder sich anschreien lassen.

Ein Kol­lege wurde mal geohr­feigt.

Manchmal begleitet Walter Zaiss die Angehörigen an den Unfallort. Manchmal fährt er mit ihnen zum Bestat­tungs­un­ter­nehmen. Das Motto der Not­fall­seel­sorge, "Erste Hilfe für die Seele", trifft die Auf­ga­ben­stel­lung da ziem­lich gut. Später sind andere dran. "Wir überg­eben dann an die Kol­legen vor Ort."

Als Walter Zaiss vor einigen Jahren, noch vor seiner Zeit als Not­fall­seel­sorger, zu einem schweren Unfall gerufen wurde, litt er dar­unter, nicht selbst mit anpa­cken zu können, "wie Falsch­geld rum­zu­stehen". Seit Herbst 2000 ist der Gemein­de­pfarrer nun aktiver Feu­er­wehr­mann in Güglingen.

Er hat die Grund­aus­bil­dung absol­viert, trägt stets den Piepser am Gürtel. Bei Einsätzen rückt er mit aus.

Zaiss weiß: Den Ret­tern zu helfen, also Feu­er­wehr­leuten oder Sanitätern, die Schlimmes gesehen haben, ist eine ebenso wich­tige Auf­gabe der Not­fall­seel­sorger. Die nicht immer leicht fällt. Als im Februar letzten Jahres bei Nord­hausen drei 17 und 18 Jahre alte Mädchen tödlich ver­unglückten, waren auch Güglinger Wehr­leute vor Ort. Später kon­fron­tierten sie Zaiss mit ihrem ganzen Frust, ihrer Ver­zweif­lung: "Wo ist denn hier Gott?" In sol­chen Situa­tionen fällt dem Pfarrer die Ant­wort schwer. "Da muss man auch Fragen offen lassen. Es gibt keine bil­ligen Vertröstungen."

In einer Art Eigen­schu­lung, in Ver­an­stal­tungen mit auf diesem Gebiet erfah­renen Kol­legen, mit Psych­ia­tern, Notärzten oder Men­schen, die in der Tele­fon­seel­sorge oder in der Betreuung Sui­zidgefährdeter arbeiten, haben sich die ange­henden Not­fall­seel­sorger auf ihre Auf­gabe vor­be­reitet. Noch heute treffen sie sich jeden zweiten Dienstag im Monat zur Fort­bil­dung, um über Einsätze zu berichten, Erfah­rungen zu bespre­chen. "Da ist eine große Offen­heit unter­ein­ander", hat Walter Zaiss fest­ge­stellt. Wel­cher Kon­fes­sion die Seel­sorger angehören, spielt dabei über­haupt keine Rolle.

Einen Unter­schied gibt es aber doch: Auf katho­li­scher Seite gehört die Not­fall­seel­sorge zum offi­zi­ellen Dienst­auf­trag des Pfar­rers, auf evan­ge­li­scher nicht. In den Unterländer Deka­naten wird die Arbeit jedoch zumin­dest von den Dekanen in Neu­en­stadt und Bra­cken­heim stark unterstützt.

Alle Not­fall­seel­sorger sind ehren­amt­lich im Ein­satz. Für Zaiss gehört es zum Selbst­verständnis eines Pfar­rers, "einen schweren Weg ein Stück mit­zu­gehen". Sein Ein­druck ist, dass die meisten Betrof­fenen froh sind über seinen Dienst.

Weg­ge­schickt wurde er noch nie.